Leipziger Optimismus

- "Liest Du noch oder hörst Du schon?" Diese Frage ziert groß und unübersehbar das Hörbuch-Café in Halle 3 der Leipziger Buchmesse. Hörbücher haben Konjunktur, und gerade darum stehen sie im Zentrum von Sachsens renommierter Bücherschau - nicht nur mit besagtem Café, in dem allerlei Hörbuch-Prominenz zur Befragung aufmarschiert, oder mit dem Hörbuch-Messeladen, sondern vor allem mit den Hörbuchnächten in der Alten Handelsbörse inmitten von Leipzigs Altstadt.

<P> "Leipzig hört" - eine selbst geschaffene Konkurrenz zur lieb gewordenen Messeveranstaltungsreihe "Leipzig liest".</P><P>Ist die Eingangsfrage auch eher rhetorisch gemeint, provoziert sie im Kern jedoch das, was den Büchern zum Problem werden könnte: Hören als Ersatz für Lesen. Denn natürlich richten sich die Hörbücher - und in Leipzig wird das ganz offensichtlich - verstärkt an das junge Publikum. Die Frage, ob Hören zum Lesen verführt, bleibt allerdings auch bei dieser Mammutschau der Hörbücher vorläufig noch unbeantwortet.</P><P>Was die Leipziger Messe so anziehend macht, ist nicht allein ihre Überschaubarkeit. Es ist vor allem ihre enge Anbindung an die Leser von morgen. Kinder und Jugendliche stürmen die Hallen, die Verlagsstände, die große Comic-Schau, die Buchwerkstätten, die Leseforen. Hier ein mit Teppich und Kissen ausgestattetes Zelt, in das man sich schmökernd oder ausgestattet mit Kopfhörern zurückziehen kann, dort eine Diskussion mit einem Autor oder die gezielte Provokation durch die antiklerikale "Zeitung junger Urchristen", deren Material den Herausgebern buchstäblich aus den Händen gerissen wird von den Siebt- bis Zehntklässlern. Überall ist etwas los. Das bunte Treiben strahlt jenen Optimismus aus, der angeblich der Branche und dem Osten sowieso fehlen soll. Die Messe Leipzig ist gerade der eindrucksvolle Beleg dafür, wie Literatur zur Hoffnung wird. Sie gehört zur unabdingbaren Grundausstattung junger Menschen.</P><P>Das wusste man natürlich alles schon vor Pisa. Dass aber das Augenmerk jetzt in so besonderem Maße auf den jugendlichen Leser gelenkt wird, hat schon mit unserem schlechten Abschneiden beim berühmten Test zu tun. Nicht zuletzt ist das zum Beispiel einer der Gründe, warum Barbara Kindermann mit ihrem gleichnamigen Verlag so rasanten Erfolg hat. 1994 hat sie ihn in Berlin gegründet - mit dem Ziel, die Geschichten der Klassiker für Kinder neu zu erzählen. Aus einem Mangel heraus.</P><P>"Ein kleiner Verlag darf sein Ziel nicht verwässern."<BR>Barbara Kindermann</P><P>Auslöser war eine Fassung von Shakespeares Märchendrama "Sturm", die sie ihrer damals kleinen Tochter immer und immer wieder vorlesen musste. Es fehlte an entsprechenden Alternativen. Also begann die promovierte Germanistin selbst, das eine oder andere Stück Weltliteratur neu zu formulieren sowie von hochkarätigen Grafikern illustrieren zu lassen. Und sie gründete - in dieser Branche zunächst noch ziemlich ahnungslos - ihren eigenen, den Kindermann Verlag. Als sie dann 2002 mit Goethes "Faust" herauskam, war der Bann gebrochen.</P><P>"Wir haben mit unserem Verlag eine Nische besetzt und agieren darin jetzt sehr erfolgreich", sagt die in Berlin lebende Schweizerin. Ihr Erfolgsrezept: "Ich habe gelernt, dass ein kleiner Verlag nur dann eine Chance hat, wenn er seinem Profil treu bleibt, sein Ziel nicht verwässert." So beschränkt sie sich auf nur zwei bis drei Titel im Jahr, aber die müssen richtig gut sein. Nach dem Renner "Faust" mit mittlerweile 30 000 Auflage liegt Kindermanns Nacherzählung von Schillers "Wilhelm Tell" mit einer Auflage von 14 000 an der Spitze der derzeitig nur elf lieferbaren Titel. Soeben erschienen - natürlich zum Schiller-Jahr - "Der Handschuh". Die nächsten Projekte: Shakespeares "Sommernachtstraum" und "Hamlet", dazwischen Kleists "Käthchen von Heilbronn".</P><P>Es ist diese poetische Ernsthaftigkeit, die die Bücher aus dem Kindermann Verlag für junge Leser so attraktiv macht. Und die sie - gewiss mehr als es die Hörbücher je werden leisten können - voller Fantasie und Leidenschaft hinführt zur großen Literatur. Etwa zu jenen Literaten, die am Donnerstagabend in der großen Glashalle ohne Pomp und sonstigem Brimborium mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurden (wir berichteten). Wer dabei sein wollte, konnte dabei sein. Auch jene Jungen und Mädchen, die in ein paar Jahren zu den Lesern dieser hoch dekorierten Autoren gehören könnten.</P>

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