Leise rieseln die Konfetti

- Der Mann hat ein Problem: seine Identität. Auf einer unzivilisierten Insel muss er hausen. Dass er diesen deutschen Bildungsbürgerballast von Bach bis Brahms hat zurücklassen können, darum ist er ja ganz froh. Und doch fühlt er sich nicht mehr so recht als Deutscher, wo er doch alles für Deutschland getan hat: Orden hat er bereitwillig entgegen genommen, Verantwortung hat er sich aufgebürdet und das Gewissen der bayerischen Staatsregierung unter Verschluss gehalten, ja sogar Waffen hat er für sein Land geschoben. Und jetzt muss er in der palmenbestandenen Ferne schmoren, und keiner nimmt von seinem Deutschsein mehr Notiz. Dr. Justus Bock ist aus seiner deutschen Identität emeritiert, vielleicht heißt sein Anhängsel auch nur "außerhalb Deutschlands", jedenfalls ist er ein "Ich a. D.". Eine so sehr schillernde Figur, dass er sich schon selbst wie eine Fata Morgana vorkommt.

Dieser Bock mit dem selbst gekauften Doktortitel ist ein Geschöpf Gerhard Polts, der für "Ich a. D." - eigens fürs Münchner TamS geschrieben - die hässlichsten Seiten der herrschenden und alles korrumpierenden Klasse zusammengeklaubt hat, um daraus die Figuren seiner Groteske zu formen: den warum auch immer in Ungnade gefallenen einstigen Würdenträger Bock, den auf ihn angesetzten Journalisten, Agenten und Kunstfälscher Fasnacht und einen irgendwie untergeordneten, bestechlichen und verräterischen Inselgefährten.

Fata Morgana der deutschen Identität

Gerd Bumeder spielt Bock, den Selbstgerechten: "Wir haben uns den Humor nicht nehmen lassen! - Aber - zivilisiert mit den Konfetti umgehen - das ist eine Frage der Kultur! Wenn ringsherum Bomben fallen - dann wirft man den Konfetti nicht in die Luft und johlt!", erklärt er Fasnacht. Und lässt zur Demonstration leise drei Konfetti auf den gelben Plastiksand seiner Insel rieseln.

Jovial, allzu jovial, mit selbstgefälligem Grinsen macht Bumeder das. Leider mit zu wenig Distanz zur Figur. Er geht in ihr auf, aber nicht über sie hinaus. Und das nimmt der Hauptfigur den bösen Witz, den Polt in sie hineingelegt hat. Zwar hat er nicht eine Lachnummer hinter die andere gefädelt und auch nur an seltenen Stellen die glanzvollsten Perlen seines Scharfsinns verschwendet. Und doch hätte es da einige Schätze zu entdecken gegeben, wenn seine Vieldeutigkeit stärker in der Schwebe gehalten, wenn Sätze nicht nur so dahergesagt worden wären. Ansatzweise ist das bei Burchard Dabinnus zu erleben, der als Fasnacht das Abziehbild eines Möchtegern-Ganoven gibt und mit dem Bekenntnis zur Karikatur weitaus mehr Komik erregt.

Gänzlich humorfrei geraten den Regisseuren Anette Spola und Rudolf Vogel jedoch die drei Norninnen - Nina-Hagen-artige Animierdamen, die eher zum Wegschauen und -hören verführen. Obwohl sie doch mit ausgeklügelten Polt-Versen dem banalen Inselgeschehen eine andere Dimension verleihen sollen. Spaß hat, wer die Fantasie aufbringt, mehr herauszuhören als gesagt und gespielt wird. Ganz schön ist das, aber nicht schön böse. Und das hätte man sich von einer Polt-Uraufführung mindestens erwartet.

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