Leise Töne

- "Singen heißt nicht das Herz von Gestalten verwandelt in neue / Leiber. Ihr Götter, gebt, habt ihr doch auch sie einst verwandelt, / Gunst dem Beginnen und leitet mein stetig fließendes Lied / vom ersten Ursprung der Welt bis hinab zu unseren Tagen." Rolf Boysen liest die Metamorphosen des Ovid in der klassischen Tusculum-Übersetzung von Erich Rösch aus dem Jahre 1952. Jedes Wort der vier Einleitungs-Verse kommt langsam, deutlich, gemessen: Der Hörer spürt die Wucht des Vorhabens.

<P>Ovid verheißt nichts Geringeres als eine Weltgeschichte in Verwandlungen, chronologisch geordnet zum Beweis für die Macht der Götter. Boysen rezitiert dieses Lehrgedicht an fünf Abenden im Residenztheater (noch an diesem Samstag, Montag, Dienstag und Mittwoch, jeweils 20.30 Uhr). Schon am ersten Abend zeigte sich: Rolf Boysen hat sein Publikum in der Hand. Er begann langsam mit dem zu Beginn etwas spröden Stoff: der Erschaffung der Welt aus dem Chaos, der Bildung des Menschen durch Prometheus, den vier Zeitaltern, der abermaligen Entstehung des Menschengeschlechts aus dem Blut der Giganten, der Sintflut und schließlich der Entstehung der Menschen aus den Steinen, die Deukalion und Pyrrha hinter sich werfen.<BR><BR>Dazu begleitete Boysen den Rhythmus der Sprache mit der freien Hand (die andere hielt das Manuskript), wiegte den Oberkörper im Takt der Worte mit, trommelte an dramatischen Stellen mit den Fingern das gelesene Stakkato aufs Lesepult und ließ vor dem inneren Auge des Hörers Bilder entstehen.<BR>Danach beginnt bei Ovid der Reigen der Geschichten: In sich abgeschlossen und miteinander locker verzahnt, boten diese dem Schauspieler reichlich Gelegenheit, in die Haut der Figuren zu schlüpfen. Für den Jupiter findet Boysen zum Beispiel einen kindlich-treuherzigen Ton, wenn dieser die Risiken eines Ehebruchs mit der schönen Callisto abwägt. Überhaupt war es ein Abend der leisen Töne und der sparsamen, klug eingesetzten Mittel. Das Thema des Textes, die Verwandlung, las Boysen mit Sinn für das Wunderbare; erstarrte etwa Daphne zum Lorbeerbaum, so erstarrte auch Boysen: Die Augen weiteten sich und hefteten sich mit solchem Staunen aufs Papier, als läse er die Stelle zum allerersten Mal. Langer, bewegter Beifall.</P><P> </P>

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