Leistungsfähige Ideenschmiede

- "Bauen ist Konstruieren. Konstruieren heißt, jedes Detail bis ins Kleinste durchdenken und aus dem schöpferischen Zusammenfügen des Details das Ganze schaffen." Mies van der Rohes Zitat ziert neben anderen Sentenzen großer Baumeister die Ausstellung "Konstruktion und Raum in der Architektur des 20. Jahrhunderts Exemplarisch". Mit ihr präsentiert sich das Architekturmuseum der TU München in seinen neuen Hallen auf der Nordseite (Erdgeschoss) der Pinakothek der Moderne. Mit dieser Schau zur Eröffnung beweist sich das Museum (Direktor: Winfried Nerdinger) nicht als monolithischer Sammlungsblock, der quasi für die Ewigkeit so bleibt, wie er ist, sondern als leistungsfähige Ideenschmiede für Projekte.

<P>In den drei Kapiteln "Konstruktion: weiter - leichter - effizienter", "System: Typisierung-Vorfertigung - Serie" sowie "Raum: Licht - Ort - Volumen" wird der Besucher durch die Bauentwicklung des 20. Jahrhunderts geführt und erfährt _ ebenfalls leicht und effizient, was die Essenz des Bauens der vergangenen 100 Jahre und der anbrechenden Jahrzehnte war und ist. Sehr gut gelungen ist das Wechselspiel zwischen München/Bayern-Bezug und globaler Architektur. Das hat nichts von lokalpatriotischer Regionalisierung, sondern öffnet die Augen für eigene Leistungen und Defizite. Da werden Maßstäbe zurecht gerückt. Gelungen auch das so elegante wie zurückhaltende und sehr zweckmäßige Tisch-System von den Architekten Wandl, Hoefer, Lorch + Hirsch (Jüdisches Museum Dresden sowie München). Denn diese Elemente müssen sowohl Modelle, als auch Zeichnungen, Fotos und Flachbildschirme integrieren können.</P><P>Wer von Konstruktions-Novitäten spricht, muss vom Münchner Glaspalast (einst im Alten Botanischen Garten) erzählen. Ein Großfoto lässt die Besucher hineinspazieren in diese fantastische Halle. Modell und Pläne runden den Eindruck dieser Innovation von 1853/54 ab. Architekt August von Voit und Ingenieur Ludwig Werder ließen die Gusseisen- und Stahl-Teile vorfertigen. Das Gebäude wurde innerhalb von einigen Monaten zusammengebaut. Von diesem Auftakt schweift der Blick zu einem anderen luftigen Gebilde in der Mitte des Saals, zum Moskauer Radioturm von Vladimir Suchov (1919) und dann bis hin zu einem der berühmtesten Türme der Kunstgeschichte, zum Tatlin-Turm. Majestätisch erhebt sich dieses schräge Traumgebilde der Architektur-Kunst am Ufer der Newa in St. Petersburg, Menschen gehen vorbei, und man riskiert von unten einen Blick hinauf in die raffinierten Verstrebungen. Dass der Turm nie gebaut wurde, lässt Takehika Nagakura mit seinem Animationsfilm völlig vergessen. Mit anderen Computerfilmen kann der Besucher dann in berühmte Häuser der Architekturgeschichte hineinlaufen, etwa in Frank Lloyd Wrights "Falling Water"-Villa oder in Alfred Loos' Villa Müller.</P><P>Problemlos gelingt auch das Wechselspiel von alten und neuen Entwürfen. So hat man beim Glaspalast gleich auch das Modell des gigantischen Lehrter Bahnhofs des Teams von Gerkan, Marg und Partner im Blickfeld, der gerade in Berlin errichtet wird. Konstruktionsprinzipien schälen sich durch solche Gegenüberstellungen heraus und auch, was es alles für Möglichkeiten gibt: von der Kuppel, die wie das Facettenauge eines Insekts ausschaut, bis zu einem Hallenbad-Dach, das sich wie ein Blatt Papier im Wind wellt. Natürlich lassen sich auch Entdeckungen machen. Etwa das berühmte Damenstrumpf-Modell des Münchner Olympia-Stadions. Das legendäre Dach eine absolute Neuheit wurde durch einen Nylonstrumpf simuliert. Oder Richard Riemerschmids Ri-Haus-System als Vorläufer für Modul-Bauweise. Der Münchner (Schauspielhaus) hatte schon zur Jahrhundertwende Fertighäuser für jedermann _ je nach Ansprüchen, Familiengröße und Geldbeutel bis in die Kostenauflistung entwickelt. </P><P>Da überraschen dann Raum-Visionen wie Peter Zumthors Holzklotz-Berghotel oder Greg Lynns Museum aus Tropenblumen für Costa Rica, das ohne Computer gar nicht zu berechnen wäre, kaum noch. Der Betrachter wünscht sich eigentlich nur, dass diese Ideen auch Wirklichkeit werden.</P>

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