Lektion in der Sache Europa

- Europa im Zeitraffer: Chaos und Ordnung, Finsternis und Hochkultur, Aufstreben und Niedergang, Kriege und Pakte, Verdichtung und Zerklüftung - ein brodelnder Hexenkessel, in dem ein visionäres Süppchen kocht. Wer würde es wagen, die Geschichte des Kontinents und seiner politischen Ausrichtung zu einem Bild zusammenzufassen? Kein anderer als Rem Koolhaas.

Mit seinem Büro AMO, zusammen mit Reinier de Graaf und einem Mitarbeiterstab, mit Unterstützung aus Brüssel und London (Foreign Policy Center), hat er jetzt im Münchner Haus der Kunst eine spektakuläre Ausstellung gestaltet, die mit einem großen Sinn fürs Optische und fürs Hintergründige ein gigantisches europäisches Panorama entwirft. Vom Urknall über alle Höchstleistungen und Fehltritte der EU bis hin zum Ausblick auf eine künftig paritätische Integrationspolitik erstreckt sich der Entwurf. Alles in allem nicht nur ein Blick auf die stille Revolution und das Heranreifen einer Welt- und Wirtschaftsmacht, sondern auch auf einen riesengroßen Friedenstraum. Insofern ist dieses Kaleidoskop der aktuellste, realistischste, anmaßendste und überzeugendste Beitrag zu "Utopia Station", dem interdisziplinären Projekt für eine bessere Welt.<BR><BR>Der Niederländer Koolhaas sorgt regelmäßig für Furore, weil er architektonisches Denken überträgt auf andere Disziplinen. In München ist ihm - nach Vorläufern in Brüssel - ein Meisterstück gelungen. Wandhohe Collagebilder laufen um drei Räume und stellen Kultur und Politik, Früh- und Neuzeit gegenüber. <BR><BR>Der Geschichtsunterricht ist ein farbenfrohes, subjektives, fokussierendes Fest für das Auge. Neben den entwicklungstechnischen Highlights entdeckt man sarkastische, boshafte, erhellende Gegenüberstellungen. Von den Dinosauriern geht es zum Olymp der antiken Errungenschaften, vom Mittelalter als Burg mit ausgelagertem Galgen zur Renaissance als Piazza der klugen Köpfe, von der Aufklärung als Star- und Sternenbilder zum Industriezeitalter, gebündelt im Kristallpalast. Im Zweiten Weltkrieg, getragen von einer Gasmaske, stehen sich Hitler und Stalin gegenüber. Geistige Fundamente und ihre Auswirkungen, die Zuspitzung der Konflikte werden in Computer-Ästhetik aufgezeigt.<BR><BR>Vielfalt der Visionen<P>Gegenüber dann die Geschichte der Europäischen Gemeinschaft: Ausgehend von Maastricht werden die wichtigsten Köpfe und Ereignisse für die EU herausgegriffen. Überlagert von Politbarometern werden hier echte und gepuschte Ereignisse in den Kontext der Bevölkerungsgunst gerückt. Parolen und Bündnisse beherrschen dieses abstrakte Gebilde Europa nun. Vom Terrorismus der 70er-Jahre in Deutschland bis zur dunklen Wolke Osama Bin Laden spannt sich der Bogen, Eurotürme wachsen genauso schnell in den Himmel, wie Monumente zerstört werden. Dieses blaugraue Epos ist eine satte Lektion in Sachen Europa- und Weltpolitik.<BR><BR>Unterminiert wird das ganze von den Länderporträts: Goldgerahmt, mit Grafiken versehen, werden die Nationen im Sinne ihrer Medienpräsenz symbolisiert. So setzt sich Frankreich beispielsweise aus Chanel und Champagner, Brigitte Bardot und Lance Armstrong sowie aus Phrasen gegen die Globalisierung zusammen. Garstige Bilder von Einzelstaaten, die kontrastiert werden mit dem Aquis Communautaire, mit dem 80 000 Seiten starken Ausdruck des europäischen Regelwerks, mit Projektionen und Modellen.<BR><BR>Am Ende dieser bombastischen Schau gibt es keinen gemeinsamen Nenner. Die Quintessenz, den "Passport to Europe", kann man dafür am Automaten ziehen - mit einem bunten Strichcode für die Vielfalt von Visionen.</P><P>Bis 9. Januar 2005, Tel. 089/ 21 12 71 15. <BR></P>

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