Lektüre auf dem Laufsteg

- Die Schriftsteller können sich nicht beklagen. Die Leipziger Buchmesse ist ihr Hort. Es ist, als würde die ganze Stadt lesen. In den Messehallen überall großer Andrang, wo ein Autor auftritt; sei es Günter Kunert oder Christa Wolf, Ulrich Wickert oder Wibke Bruhns. Kein Bohlen, kein Effenberg, keine Naddel - von derlei Rummel und Entgleisungen des Literaturbetriebs, wie es sie bei der Frankfurter Buchmesse gab und wohl auch immer wieder geben wird, ist Leipzig frei.

<P></P><P>In der Stadt an der Pleiße ist man sich seiner Tradition bewusst; nicht nur als Messestadt an sich - und das schon seit mehr als 500 Jahren -, sondern als Zentrum des deutschen Buchhandels, das Leipzig in der Mitte des 18. Jahrhunderts unangefochten war. Immerhin wartete man hier zur Ostermesse 1740 schon mit 200 000 Titeln auf.</P><P>Das Buch als ein "lebensnotwendiger Anachronismus": Mit dieser Einschätzung präsentiert sich in der Halle 3 der Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband. Eine charmant hinterkünftige Performance, mehrmals am Tag absolviert. Eine Modenschau fürs Buch, präsentiert von sechs jungen Darstellern, ausstaffiert mit vom Zürcher Schauspielhaus zur Verfügung gestellten Kostümen. So cool, so interessant, so erotisch wirkt das Buch, wenn die sechs Damen und Herren lesend vor ihrem Container mit dem großen weißen Kreuz darauf schlendern, flanieren, lustwandeln, ausruhen.</P><P>Wettbewerb um das schönste Buch</P><P>Da rückt das Buch in die Nähe des Theaters; denn beide verbindet ihr "verschwenderischer Umgang mit Raum und Zeit, wie ihn nur das Buch und das Theater zu schenken vermögen", so die Initiatoren dieser Aktion. Sie sorgen dafür, dass die aktive Beteiligung der Schweiz auf der Leipziger Buchmesse "schon eine Marke geworden ist", die möglichst von keinem Besucher verpasst werden sollte. Wie im vergangenen Jahr, so gelingt es den Eidgenossen auch diesmal, auf sinnliche Weise fürs Buch zu interessieren. Und ganz nebenbei wirbt die Schweiz hier auch noch für einen deutschen Klassiker: mit der Veranstaltung "200 Jahre Wilhelm Tell - Warum die Urschweiz bei Weimar liegt".</P><P>Das Buch auf sinnliche Weise erfahrbar zu machen, darum bemühen sich auf der Messe auch andere. Zentralen Raum nimmt neben der Präsentation der Kunsthochschulen die Stiftung Buchkunst ein. Die Ausstellung des alljährlich international ausgeschriebenen Wettbewerbs der "Schönsten Bücher aus aller Welt" ist unbedingt sehenswert. Die Preisträger kommen aus China, Japan, Tschechien, Venezuela, den Niederlanden, Dänemark, und mehrfach sind Buchgestalter aus Deutschland vertreten.</P><P>So ging der erste Preis, die Goldene Letter, an Olaf Nicolai und Susanne Pfleger für ihr zwischen Fläche und Prägung raffiniert strukturiertes Katalog-Werk "Rewind Forward" aus dem Hatje Cantz-Verlag in Ostfildern. Mit dem zweiten Preis wurde das attraktivste, opulenteste Buch prämiert: Eine Goldmedaille erhielt "A Picture Album - Historical Materials of Mei Lanfang's Theatrical Performances" von Liu Cengfu und Zhu Jiajin. Das ist eine große, in mehrteiligem Klappfutteral eingebundene Sammlung fantastisch gezeichneter Masken. Das Inhaltspapier und der Umschlag sind mit Seidenstruktur sowie mehrfarbig bedrucktem Gewebeüberzug ausgestattet. Und wenn man dem unwiderstehlichen Drang nachgibt, dieses Prachtstück von Buch in die Hand zu nehmen, darin zu blättern - was man hier mit jedem der ausgestellten Exemplare tun darf -, stellt sich eine ganz eigene Beziehung zu diesem Werk, zu dieser Arbeit her. Es wird einem bewusst, dass man Bücher nicht nur lesen und anschauen, sondern dass man sie auch fühlen kann - also begreifen im doppelten Sinne des Wortes.</P><P>Von welch tiefer Notwendigkeit für die Menschheit das Buch ist, macht in unserem Land des Bücher-Reichtums die Situation im Irak deutlich. Am Freitagnachmittag wurde in Leipzig die Initiative "Bücher für den Irak" präsentiert. Partner dieses Unternehmens der deutschen und irakischen Verleger sind unter anderem das Auswärtige Amt und das Goethe Institut, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Bayerische Staatsbibliothek. Ihr Anliegen: die Wiederherstellung der germanistischen Bibliothek der Universität Bagdad, deren ehemaliger Bestand von etwa 15 000 Publikationen durch Krieg und Plünderungen weitgehend zerstört wurde.</P><P>Deutsche Verleger sind gezielt aufgerufen, die benötigten Bücher zu spenden. Bis zum Frühjahr sollen etwa 10 000 in Bagdad überreicht werden. Eine symbolische Übergabe erfolgte jetzt auf der Leipziger Buchmesse.</P><P>Stellvertretend für die Gesamtbücherspende wird eine "deutsche Autorenbibliothek", die von den Mitgliedern der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zur Verfügung gestellt wurde, an Repräsentanten der Universität Bagdad übergeben. Den richtigen literarischen Rahmen dazu lieferte die Lesung der in Bagdad lebenden Autoren Hussain Ali Younis und Abd Al-Rahmen Tuhmazi. Als sozusagen deutsche Ergänzung las der Münchner Schriftsteller und Hanser-Verleger Michael Krüger.</P>

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