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Nachruf auf den Motörhead-Frontmann

Lemmy war ein anderer

Schon klar, böser Bube, harte Musik, wildes Leben – musste ja so kommen. Das wird wohl so ungefähr der Tenor sein in den Nachrufen auf Ian Lemmy Kilmister, den Sänger und musikalischen Kopf der berühmt-berüchtigten Brachial-Rockband Motörhead.

Und Lemmy, der erst an Heiligabend seinen 70. Geburtstag gefeiert hatte, machte es den Leuten leicht, ihn in eine Schublade zu stecken: der Engländer, der jeden Tag eine Flasche Whiskey soff, sich mit Prostituierten vergnügte, NS-Devotionalien sammelte und unfassbar lauten Rock spielte.

Die Sache ist nur: Lemmy war ein anderer. Oder genauer:Lemmy war sehr viel mehr als ein wütender Hardrocker. Lemmy Kilmister genoss einen sagenhaften Ruf in der Branche als integrer, kluger, freundlicher Mensch, dem es gelungen war, in 40 Jahren im Musikgeschäft „kein Arschloch“ geworden zu sein, wie er das mal formulierte. Trotz seines rabiaten Rufs war Lemmy überzeugter Pazifist, Humanist und Verächter von menschenfeindlichen Ideologien.

Außerdem war er, das wird oft übersehen, ein verdammt guter Musiker, der das Bassgitarrenspiel revolutioniert hat. Er spielte den Bass wie eine Rhythmusgitarre, das verlieh Motörhead dieses einzigartige, sofort wiedererkennbare Klangbild. Der Umlaut im Bandnamen – durchaus typisch fürs Hardrock-Genre – geht übrigens auf die US-Gruppe Blue Öyster Cult zurück, die damit auf die wagnerianischen Aspekte der Musik hinweisen wollte.

Für Lemmy, der als Roadie für Jimi Hendrix begonnen hatte, waren Blues und Rock’n’Roll die Wurzeln. Seine Lieblingsband waren die Beatles, was überraschend klingen mag, aber Lemmy hatte eben Ahnung von Musik. Das unterschied ihn grundlegend von den vielen Punk-Rabauken, die zeitgleich mit Motörhead Erfolg hatten, und für die Lemmy nie besonders viel übrig hatte. Auch wenn Motörhead ihre Melodien zu einer unfassbar lauten und schnellen Fast-Forward-Version pressten, war das im Grunde die ehrlichste Rockmusik, die man bekommen konnte. Für 40 Jahre.

Vielleicht war das Lemmys größter Erfolg. Sich vier Jahrzehnte lang jedem Trend, jeder Mode und all den Marketing-Trotteln der Plattenfirmen zu entziehen. Die versuchten immer mal wieder, am Image der Band und ihrer Musik herumzuschrauben, weil das angeblich noch mehr Platten verkaufen würde. Mit Geld freilich war der Mann nicht zu locken. Gut, er musste seinen Alkoholismus und die Frauen finanzieren, das schon. Aber mehr halt auch nicht. Er lebte über Jahrzehnte in einem Zweizimmer-Apartment (Sie haben richtig gelesen: zwei Zimmer) mit Mietpreisbindung. Das immerhin in Los Angeles, denn „das Wetter ist dort ganz schön“. Gefragt, weshalb er sich nicht ein großes Haus zulegt, wie es sich für einen Rockstar gehört, kam die einzig vernünftige Antwort: „Ich kann nicht 30 Zimmer bewohnen.“

Kilmister war nicht religiös und hatte nichts übrig für ideologische Denkmuster, aber er hatte eindeutige ethische Standards. Und eine klare Meinung, die er ohne großes Gewese kundtat. Beispielsweise, dass es im Leben außerordentlich wichtig sei, Idioten aus dem Weg zu gehen, von denen es leider sehr viele gebe: „Acht von zehn. Manchmal mehr“. Er mochte keine Schleimer, keine Rassisten, keine Kriegstreiber, kurzum: keine Idioten. Dazu zählte er auch Musikkritiker, die ihm beispielsweise Abba madig machen wollten oder schlecht über Phil Collins redeten. Collins sei ein verdammt guter Schlagzeuger, den er jederzeit guten Gewissens bei Motörhead mitspielen ließe.

Nun ist Lemmy, dieser vielleicht letzte wahre Philosoph des Rock, gestorben. Man muss die Welt aushalten, hat er gesagt. Und nett zu Frauen sein. Dann wäre alles gut. Natürlich darf man dabei nie vergessen, den Idioten aus dem Weg zu gehen. Wir werden uns daran halten. Und Lemmy vermissen.

Zoran Gojic

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