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Franz Marcs „Blaues Pferd I“ von 1911 repräsentiert aufs Schönste den „Blauen Reiter“ und die Städtische Galerie im Lenbachhaus.

Wiedereröffnung

Lenbachhaus: „Der Blaue Reiter“ kehrt heim

München - Das Lenbachhaus wird zu einem Ereignis für München. Denn es zeigt sich ab 8. Mai in neuem UND alten Glanz. Als Medienpartner der Städtischen Galerie durften wir vorab zu den verschiedenen Abteilungen.

Chronologisch müsste man mit den Werken des 19. Jahrhunderts beginnen. Und wer von diesen Räumen im Nordflügel zu denen des „Blauen Reiters“ wandelt, bekommt mit dieser Wahl des Rundgangs auch ein wunderbares Aha-Erlebnis geboten. Nicht nur weil der Besucher gleich in einem der beiden Megaschön-Säle dieser Künstlergruppe um Wassily Kandinsky und Franz Marc steht. Sondern weil er sowohl den feurigen Kontrast zur Malerei des 19. Jahrhunderts hautnah spürt als auch die organische Weiterentwicklung, den leidenschaftlichen Dialog der Künstler. „Der Blaue Reiter“ ist nun mal das Synonym für das Lenbachhaus, und so soll ihm als Erstem gehuldigt werden. Schließlich ist dieser Bestand der weltweit bedeutendste und berühmteste. Kräftig Werbung dafür hatte die Städtische Galerie gemacht mit einer internationalen Tournee der Werke, während Lenbachs Villa für Generalsanierung und Erweiterung geschlossen war (seit 2009).

Kandinsky: Man kann sich nicht sattsehen

Dieser erste Empfang beim „Reiter“ auf der Nordroute – also nicht von der Atriumhalle aus – setzt schlagartig Franz Marc und August Macke in Szene. Ein Theatercoup! Marc dominiert naturgemäß mit seinem „Blauen Pferd“ und dem „Tiger“, beide in Korrespondenz mit den Kleinplastiken zweier Pferde und eines Panthers. Das gedrungene, sich ein wenig kokett wendende blaue Ross in einer bunt-irrealen Landschaft „steht ikonisch für unser Lenbachhaus“, sagt Museumschef Helmut Friedel. Und erzählt von einem Schülerbesuch. Von der Lehrerin gefragt, warum das Pferd blau sei, antwortete ein Kind: „Weil’s vom Himmel kommt.“ Wahrscheinlich kann niemand genauer und kürzer Marcs Mal-Intention beschreiben. Das Tier, dem Respekt gezollt wird – als realem Wesen und als Symbol der Schöpfung –, steht im Mittelpunkt. Ob Mackes Papageien im Tierpark-Idyll oder Marcs Affen in freier Wildbahn.

Aus dieser Welt, wie sie sein sollte, reißt einen das Präsentationskonzept im nächsten Raum heraus. Die Neue Sachlichkeit blickt kühl und klar zum Beispiel auf eine laufende Operation (Christian Schad) oder mit tiefem Mitleid auf einen gefallenen Soldaten (Josef Scharl). Immer wieder, in der gesamten Galerie, flackert der Krieg als menschen- und weltzerreißende Zerstörungskraft auf. Hier Franz Radziwills Todeslandschaft unterm Flugzeug, dort Franz von Stucks „Wilde Jagd“. Wäre sie nicht von 1888, glaubte man in dem bösen Hetz-Anführer Hitler zu erkennen. Damit ist der Betrachter bereits beim Jugendstil angelangt, der parallel geführt wird mit dem frühen Kandinsky und den spätimpressionistischen Anfängen von Gabriele Münter. So gelangt der Kunst-Flaneur zum Atrium (oben im zweiten Stock) und spaziert ganz lässig nach Murnau hinein. In den Ort am Staffelsee, wo 1911 der Almanach „Der Blaue Reiter“ zusammengestellt und zum Manifest einer der wichtigsten Künstlergruppen der beginnenden Moderne wurde. Strahlende Farben bringen dich in beste Stimmung, faszinieren, obwohl man die Bilder schon oft gesehen hat: Endlich sind die lange vermissten Lenbachhaus-Kleinodien zurück – auf gelben, grauen (mit Glitzer), hellblauen oder auf mit dunkler Moiréseide bespannten Wänden. Wie es sich für Juwelen geziemt, sind sie mal fröhlich, mal erhaben präsentiert.

Das Museum wird zu einer Erlebniswelt

Alle großen Namen von Kandinsky, Marc über Jawlensky und Paul Klee bis zur Münter marschieren auf, genauso – was ein besonders schönes und üppiges Schau-Vergnügen ist – viele andere „Blaue Reiter“: Die zarten Naturbildnisse eines Jean-Bloé Niestlé sind vertreten, Albert Blochs dynamische Boxer, Adolf Erbslöhs kompakte, ruhige Architekturen, Erma Bossis Intimität. Die jahrzehntelange wissenschaftliche Forschung hat sich dabei ausgezahlt sowie die vielen „Blaue Reiter“-Ausstellungen, die dadurch gespeist wurden. Einen großartigen Akzent setzten in der Neuhängung außerdem einige Porträts wie Marianne von Werefkins gewagtes Selbstporträt, Pierre Girieuds Dame vor Knall-Orange oder Alexej Jawlenskys lasziver Tänzer Sacharoff. Mit diesen Menschen-Bildnissen erinnert die Ausstellungskonzeption den Besucher an die breite Palette von Porträts in der Abteilung des 19. Jahrhunderts – und weist voraus auf unsere zeitgenössische Kunst und ihre Sicht auf den Menschen.

Gibt es noch eine Steigerung nach dieser Fülle von „Blauer Reiter“-Werken, die jeden neuen Raum im Lenbachhaus zum Ereignis werden lassen? Ja. Mit den Kandinsky-Sälen übertrifft sich die Städtische Galerie selbst. Man weiß gar nicht, wohin man zuerst schauen soll. Der Großmeister der Abstraktion ist da – vom Frühwerk bis zu seinen sanft-farbenen Amöben-Tänzchen aus den 1940ern. Vor allem seine Farbräusche und -fetzereien in den „Impressionen“, „Improvisationen“ und Entwürfen zu den „Kompositionen“ lassen das Herz jubeln. In dieser Angebots-Opulenz wird auch sichtbar, wie humorvoll der Russe war. „Impression IV (Gendarm)“ lässt antike Architektur taumeln (die Glyptothek?), und davor sitzt ein Reiter auf seinem Gaul. Beide scheinen aus der Prärie hierher verschlagen zu sein.

Natürlich sind Kandinskys Reiter eher St. Georg oder Rittersleut’. Durch sie ist er mit dem 19. Jahrhundert verbunden. Gerade wenn man durch diese Räume, eigentlich gemütliche Zimmer, geht, erfühlt man: Jene Zeit ist die solide Basis und das wippende Sprungbrett, das den Russen sicher in die Zukunft entlässt. Schon bei den Menschendarstellungen macht das Museumskonzept klar: Wir trennen Moderne und die Vorzeit nicht. Jan Polacks (wohl) Selbstporträt aus den 1490er-Jahren hängt neben Rudolf Bellings messingglänzendem stilisiertem „Weiblichen Kopf“ von 1925. In seiner Strenge ist das fast noch mittelalterliche Menschenbild(nis) mit dem der Moderne verwandt; in seiner psychologischen Sensibilität mit der Seelenschau von Lovis Corinth, der sich neben ein Skelett stellt; und in der Repräsentationshaltung dem barocken Adelsporträt von George Desmarées. Die vier in einem Raum – das ist es! Das Museum zeigt sich nicht als kunsthistorische Belehrungsanstalt, sondern als Erlebniswelt, die uns in unserem Dasein anspricht. Wirkliche Kunst ist immer aktuell, egal wie alt sie ist.

Selbstverständlich ist das Alte auch interessant, gerade weil es alt ist: Max Joseph Wagenbauers Starnberger-See-Blick – und das Land heute; München und das Isartal von Oberföhring aus (Ernst Kaiser) – schier unglaublich, was sich seither gewandelt hat; Christian Etzdorfs wilde Natur – in die frühe Industrie erste Verwüstungen schlägt. Landschaft ist neben den Porträts der andere Schwerpunkt der Abteilung 19. Jahrhundert. Hier fügt sich wunderbar harmonisch die Sammlung Christoph Heilmann ein. Die Hängung der meist kleinen Formate ist nun im Museum genauso familiär wie in der Privatwohnung. Romantiker wie Carl Blechen und Carl Gustav Carus können jetzt neben Carl Spitzweg, Johann Georg von Dillis – ach, seine Wolkenzeichnungen – und Wilhelm Leibl glänzen. Dann die Düsseldorfer Schule – Carl Friedrich Lessings nüchternes Heideland mit einem so frechen wie schütteren Baum in der Mitte. Und schließlich die Franzosen der Schule von Barbizon – große Vorbilder. Was wären die Impressionisten ohne Charles-François Daubigny? Oder Gustav Courbet: Er wühlt, in einem Kleinformat, die Küste auf, schlägt sogar rote „Schlitze“ zwischen Wasser und Wolkenwand. All das eine absolut glückliche Ergänzung für die Städtische Galerie dank Sammler Heilmann.

Moderne Architektur und Charme des Alten

Übrigens gibt es selbst in diesen meist sanften ländlichen Fluren einen modernen Knaller. Im Gartensaal bezieht nach langem wieder Richard Serras Skulptur „Gate“ Position. Sie greift nüchterne Bauelemente auf und überhöht sie skulptural. Wenn man so will, ging Architekt Norman Foster für seinen Anbau genauso vor. Respekt fürs Alte, Selbstbewusstsein fürs eigene Neue. Deswegen glänzt das neue Gebäude mit seiner Messingstäbe-Fassade gülden. Das Wetter wird schon für Patina sorgen. Zugleich ist der Schimmer ein einladendes Signal an alle Besucher: Seht her und nur hereinspaziert. Das klappt vorzüglich, weil das Lenbachhaus jetzt hundertprozentig städtebaulich präsenter im Umfeld der Propyläen dasteht. So richtig einladend, zumal das Restaurant „Ella“ samt Terrasse nicht zu übersehen ist.

Foster + Partners zeigen von vorn ein übersichtliches Kunstgebäude, von hinten und im Inneren stehen sie jedoch zur verwinkelten Bausituation. Schließlich musste man sich mit der vorhandenen dreiflügeligen Anlage der toskanischen Villa mit Garten, die ja auch erst nach und nach errichtet wurde (siehe Informationen auf der nächsten Seite), sinnvoll verzahnen. Das ist zum Teil auf durchaus verspielte Weise gelungen – obwohl alle Ziele der Barrierefreiheit und Besucherführung erfüllt werden konnten. Einerseits gibt es noch den Charme des Verwunschenen, das einen wohlig verwirrt; wo kann man schon im Innenraum um ein anderes Haus herumgehen? Andererseits ist museale Bequemlichkeit zu genießen. Eine Besonderheit dabei ist das Licht: viel Natur, viele nicht-zugehängte Fenster und ein topmodernes LED-Kunstlicht, das unsereins nicht vom Tageslicht unterscheiden kann. Ein Rundum-Genuss auf 2800 Quadratmetern Ausstellungsfläche.

Von Simone Dattenberger

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