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Lenbachhaus erinnert an „Gabriel von Max - Malerstar, Darwinist, Spiritist“

München - „Culturaffen" nannte Max von Gabriel die Menschen - und im Grunde seines Herzens glaubte er, dass die Affen die besseren Menschen wären.

Dem Malerstar von einst, der heute fast vergessen ist, widmet das Münchner Lenbachhaus im Kunstbau (Zwischengeschoss U-Bahnhof Königsplatz) eine umfassende Ausstellung; darüber hinaus ein Katalogbuch, das die erste Monografie des Künstlers (1840-1915) überhaupt ist. Eine weitere Premiere: Es handelt sich um eine fachübergreifende Schau. Denn es gibt nicht nur für unseren heutigen Blick „exotische“ Gemälde zu bestaunen, sondern auch anthropologische - Menschenschädel -, zoologische, prähistorische und völkerkundliche Sammlungskomplexe. Hier treffen sich also Kunst, Naturwissenschaft und Ethnologie. Damit hatte Max von Gabriel noch nicht genug, wie Kuratorin Karin Althaus betont. Er war aktiver Spiritist, hielt Séancen ab, entlarvte jedoch auch ein Medium, das betrog.

Der Maler aus einer Prager Künstlerfamilie hatte schon früh einen Hang zu den Naturwissenschaften. Nach einer ersten Ausbildung bei seinem Bildhauer-Papa studierte er in München an der Akademie und war Meisterschüler des Historienmalers Carl Theodor von Piloty. Schon 1867 hatte von Max einen phänomenalen Erfolg. Tränenüberströmt verließ so manche Dame den Münchner Kunstverein, tief erschüttert von dem Werk „Die Märtyrerin am Kreuz“. Das Bild berührte einen Nerv der Zeit und bot Frauen ein großes Identifikationspotenzial: als Opfer und zugleich Siegerin.

Diese Heilige Julia von Korsika - leidend und doch verklärt, rein und doch erotisch, vom Mann angebetet, ja, sogar in ihrem Tod gewissermaßen lebendig - empfängt in der Präsentation die Besucher. Zuvor ist ihnen durch die riesigen Fotofahnen bereits klar geworden, dass von Max ein eminenter Sammler war. Rund 60 000 Objekte befanden sich in seinem Besitz, die sich die Stadt Mannheim nach seinem Tod für ihr Reiss-Engelhorn-Museum gesichert hatte. Dieses Haus für Kulturgeschichte aller Art unterstützte das Münchner Projekt. Besonders gelungen: Man hat die Schrankvitrinen so arrangiert, wie es von Max getan hatte. Und so steht etwa ein herrlich vogelwildes Afrika-Panorama neben einem sozusagen kühl-seriellen „Werk“ aus Schädeln.

Hinter all dem steckte die Frage des Wahlmünchners, der aber den Sommer über in seiner Villa in Ammerland lebte, nach dem Wesen des Menschen, seinem Ursprung und seinem Sein über den Tod hinaus. Gabriel von Max scherte sich nicht um Schubladendenken. Für ihn schlossen sich Darwin, Transzendenz und Spiritismus nicht aus. Damit steht er in der Nachfolge von Goethes universellem Denken oder der Offenheit der literarischen Romantik. Dazu passt, dass die verschiedenen Tätigkeiten von Max’ eher ein Suchen denn Finden waren - auch in den Gemälden. Wenn er sich in die weichen, fast kindlichen Frauen mit deliziösem Pinselstrich vertieft, wenn er sie in den frostigen Schimmer des kalten Lichts hineinkomponiert, dann verschafft er ihnen Aura: lässt die Schönen in Nicht-Leben und Nicht-Tod schweben. Das trifft auf die „Märtyrerin“ so zu wie auf andere Heilige, Nonnen oder Seherinnen. Gerade ihr „Hochschlaf“, also der Zustand des übernatürlichen Sehens, faszinierte den Menschen Gabriel von Max - und der Maler versuchte, diese andere Normalität festzuhalten.

Dieses Andere lässt er in seinen späteren Bildern durch Affen verkörpern. Der Künstler mochte sie so gern, dass er in seinem Gartenhaus in der Schwanthalerstraße eine kleine Herde hatte. Stammmutter und -vater nannte er ironisch Eva und Adam. Besonders innig war seine Beziehung zu dem Kapuzineräffchen Paly, ein Weibchen, dessen Intelligenz ihn faszinierte. In den Gemälden werden die Tiere, so zoologisch korrekt sie dargestellt sind, durch ihre Mimik vermenschlicht und dienen wie Tierfabeln zur Satire: ob Affen als Kunstrichter oder beim „Anthropologischen Unterricht“, wobei der große Affe, der den kleinen belehrt, angekettet ist, und der Mensch nur als Puppe existiert. Da lässt fast schon Kafkas Affe aus dem „Bericht für eine Akademie“ grüßen. Den dort geschilderten Schmerz malte Gabriel von Max in die Augen vieler seiner Primaten.

Wahrhaft groß ist der einstige Malerstar aber nur, wenn er den Mut hat, alles Symbolschwangere wegzulassen: „Mater dolorosa“ - das Gesicht einer alltäglichen Frau, emporgewandt. Man ahnt das Kreuz bloß. Finsternis herrscht, nur am Horizont ein Lichtstreif. Aller Schmerz ist nach innen gekehrt.

Von Simone Dattenberger

Bis 30. Januar 2011, Tel. 089/ 23 33 20 00, Katalog, Hirmer Verlag: 32 Euro.

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