Lenbachhaus: Noch ungehobener Schatz

Wie gut, dass es begeisterte Sammler wie Kurt Otte gibt. Was den Hamburger Apotheker dazu getrieben hat, gerade die düsteren Arbeiten des österreichischen Zeichners, Schriftstellers und Buchillustrators Alfred Kubin (1877- 1959) zu sammeln, ist unklar.

Entscheidend ist, dass die überaus umfangreiche Sammlung 1971 durch die Stadt München erworben wurde und seit 1983 vollständig im Lenbachhaus verwaltet wird.

"Für 1,2 Millionen Mark kaufte die Stadt damals die Sammlung und hat sie in Teilraten bis zum Jahr 1996 bezahlt", erzählt Annegret Hoberg, Kuratorin für den Blauen Reiter und das Kubin-Archiv im Lenbachhaus. Das war ein genialer Schachzug. Denn es ist das größte bestehende Archiv eines Einzelkünstlers weltweit.

Und umfasst zirka 385 Aquarelle, Tusch- und Bleistiftzeichnungen, das gesamte lithografische Werk Kubins mit 180 Arbeiten, 34 Mappenwerke, 24 Skizzenbücher, 31 unpublizierte Tagebücher, etwa 800 Bände der gesamten illustrierten Bücher Kubins von 1908 bis 1957, zirka 8000 Briefe und Karten, sämtliche eigene Schriften Kubins in Erstpublikationen, vollständige Presse-Dokumentationen von 1901 bis 1977, nahezu die vollständige Sekundärliteratur über Kubin, sämtliche Ausstellungskataloge und historische Broschüren, zirka 800 persönliche Fotografien, etwa 150 Grafiken anderer Künstler sowie umfangreiche Konvolute persönlicher Dokumente Kubins, einschließlich 34 Filmen und Tonbändern von 1937 bis 1977.

All das lagert in einem nicht frei zugänglichen Archiv. Bei vorheriger Anmeldung können Interessierte Einsicht in die Sammlung erhalten. Studenten etwa, die Informationen für ihre wissenschaftliche Arbeit benötigen. Und der Kubin-Fan, der eine bestimmte Grafik schlicht einmal im Original sehen möchte? "Das wäre theoretisch schon möglich", sagt Hoberg. Sie schränkt aber gleich ein: "So ein Besuch im Archiv hängt aus Sicherheitsgründen mit viel Aufwand zusammen, den der Kunstinteressierte wahrscheinlich gar nicht vermutet." Der einstige Besucherraum, in dem das Archiv lagert, ist mittlerweile zum Büro für Mitarbeiter umfunktioniert.

Doch wer nach rechts an die Wand blickt, dem fallen gleich die zahlreichen Bücher über Kubin ins Auge, die hinter gläsernen Schranktüren fein sortiert stehen. Niemand aber wird beim bloßen Blick in den Raum erkennen, welch großen Schatz die anderen eichenbraunen Schränke verbergen. Wohlbehütet - Besucher müssen von einem Sicherheitsbeamten und einem Museumsmitarbeiter begleitet werden, wenn sie sich im Archiv umschauen möchten.

Hoberg macht deshalb auf die Sammlungsverzeichnisse aufmerksam, die im Museumsladen erhältlich sind. Darunter auch mehrere Bücher, die Kubins Briefwechsel mit prominenten Zeitgenossen wie etwa Hermann Hesse enthalten. Wer das Werk Kubins studieren möchte, findet dort alles, was auch im Archiv zu finden wäre.

Doch bezeichnenderweise gibt es nur selten Anfragen zur Einsicht, ganz anders als bei den Werken des Blauen Reiter. Schrecken die dunklen Weltuntergangsvisionen, die drastischen Erotikszenen und die angsteinflößenden Todessymbole ab? "Kubin ist ein noch wenig erforschtes Gebiet", erläutert die Kuratorin. Die düsteren Bilder sind im Frühwerk des Künstlers entstanden. Hoberg selbst, die sich seit über 20 Jahren mit Kubins Werk beschäftigt, gefallen die späteren Arbeiten. "Von 1922 an bis ins hohe Alter reiste Kubin immer wieder in den Ferien in den Bayerischen und den Böhmer Wald. Die Werke, die dort entstanden sind, drücken eine tiefe Heimatverbundenheit aus."

Das Münchner Archiv ist ein ungehobener Schatz, der nun peu peu entdeckt wird. Jetzt etwa werden in der Neuen Galerie New York 35 Werke Kubins ausgestellt - allesamt Leihgaben aus München. Während Hoberg die Auswahl zeigt, die in den Räumen des New Yorker Museums zu sehen sein wird, betont sie mit Blick auf die sexuell aufgeladenen, teils auch brutalen Grafiken, wie brisant diese Eröffnung sein wird: "Das wird ein Skandal. Solche Bilder in den USA zu zeigen, ist eine Provokation."

Und damit ein Publikumsmagnet. Die Kuratorin, die derzeit gemeinsam mit dem Centre Pompidou Paris und dem Guggenheim Museum New York eine große Kandinsky-Schau (ab 25. Oktober) vorbereitet, lacht: "Unsere Kollegen in Amerika reiben sich schon die Hände." Für alle Kubin-Freunde hierzulande erscheint in Kürze ein Katalog der New Yorker Ausstellung im deutschen Buchhandel.

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