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Gerhard Richter und Helmut Friedel, Leiter des Münchner Lenbachhauses.

Kartografie der Kunst

Lenbachhaus zeigt Gerhard Richters „Atlas“

München - Das Lenbachhaus zeigt Gerhard Richters „Atlas“ – und ermöglicht damit, künstlerisches Schaffen nachzuvollziehen.

Eigentlich ist es ganz einfach: In einem Atlas sind Karten versammelt, also Material zur Lokalisierung von Kontinenten, Ländern, Städten, Straßen. Hier finden sich oft auch weitere grafische Hilfsmittel, die etwa Auskunft geben über Bodenbeschaffenheit und Rohstoffvorkommnisse der kartografierten Region. Jeder hat schon mal in einem solchen Buch geblättert. In der griechischen Mythologie freilich ist Atlas ein Titan, ein Riese in Menschengestalt, einem Göttergeschlecht entstammend, der das Himmelsgewölbe stützt, auf dass es nicht über den Menschen zusammenbreche. Keiner hat diesen Atlas bislang gesehen – es sei denn, Künstler haben ihm Gestalt gegeben.

Wer diese beiden Verwendungen des Begriffs „Atlas“ kennt, bekommt eine Ahnung, was es mit Gerhard Richters gleichnamigem Werk auf sich hat. Seit 1962 versammelt der heute 81-Jährige in seinem „Atlas“ Tausende von Fotos, Zeitungsausschnitten, Skizzen, Collagen, ordnet sie auf Tafeln nach formalen oder inhaltlichen Aspekten. 783 solcher Tafeln sind so im Lauf von 51 Jahren entstanden. Sie sind nicht weniger als (Karten-)Material, um sich im künstlerischen Werk Richters zu orientieren. Gleich dem Titan stützt dieser „Atlas“ das Gesamtwerk für uns Betrachter, sodass wir nicht darunter begraben werden.

Hier finden sich Motive, die Richter weiter entwickelt hat – bis zu fertigen Bildern. Mit dem sehr viel größeren Teil der Abbildungen hat sich der Künstler zwar beschäftigt – ohne dass jedoch weitere Kunstwerke entstanden sind (etwa aus zeithistorischen Aufnahmen aus den Konzentrationslagern der Nazis).

Wem all das bewusst ist, ahnt nun auch, welchen Schatz das Münchner Lenbachhaus von Mittwoch an in seinem Kunstbau „einmal im großen Bogen“ präsentieren kann, wie es Helmut Friedel, Chef der städtischen Galerie, nennt. Richters „künstlerbiografische Aufzeichnungen“, den kompletten „Atlas“ – der unterirdische lange Raum, der einer leichten Krümmung folgt, ist wie dafür geschaffen.

Richter, 1932 in Dresden geboren, gilt als teuerster lebender Maler. Bei der Frühjahrsauktion bei Sotheby’s in New York wurde sein Bild „Domplatz, Mailand“ (1968) für rund 29 Millionen Euro versteigert. Jetzt steht er bescheiden, zurückhaltend, ja fast schüchtern im Kunstbau und betrachtet die Ausstellung: „Ich habe diesmal nicht mitgehängt“, sagt er mit leiser Stimme. „Hat alles er gemacht. Ist schön geworden.“ Dabei deutet er auf Friedel. Für den scheidenden Leiter ist es die letzte Ausstellung, die er als Chef des Hauses betreut. 1996 konnte das Museum den „Atlas“ erwerben – die letzten 16 Tafeln hat Richter mit nach München gebracht. Sie sind nun erstmals zu sehen. Ein Museum, erklärt Friedel, müsse sich immer darauf konzentrieren, an seiner Sammlung „geistig und materiell“ weiterzuarbeiten. In der „Atlas“-Schau hat er diese Forderung eingelöst.

Gerhard Richter freilich sieht das sehr viel nüchterner: „Ich bin glücklich, dass der ,Atlas‘ jetzt hier ist. Dass jemand gesagt hat: ,Ja, ich nehm’ das Zeug.‘ Wäre ja schrecklich, wenn alles im Lager daheim bliebe. Dann existiert es ja nicht.“

Michael Schleicher

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