Lenin am Angelhaken

- Fortsetzung folgt. Das ist das Motto. Ist der Showroom auch nicht sonderlich groß, sein Ostseestrand-gelber Bodenbelag lädt geradezu ein, der gedanklichen Reise nach Litauen, die man hier auf der Frankfurter Buchmesse beginnt, eine tatsächliche folgen zu lassen. Es ist zu begrüßen, dass der neue Buchmessen-Direktor Volker Neumann dem Vorhaben seiner Vorgänger, den jährlichen Länderschwerpunkt sterben zu lassen, eine Absage erteilt hat.

Das aktuelle Beispiel Litauen nämlich zeigt, wie stark durch eine derartige Fokussierung die öffentliche Aufmerksamkeit gelenkt werden kann auf die stilleren Regionen der Bücherwelt. <BR>Das Interesse an diesem sich hier in Frankfurt so sympathisch präsentierenden Balten-Staat ist enorm groß. Auf einer Gesamtfläche von 1000 Quadratmetern - Fotos, Grafik, Dokumente, Bücher. Über Monitore lassen sich die eigens für die Ausstellung angefertigten Videoporträts der 30 auf der Buchmesse präsentierten litauischen Schriftsteller abrufen. Unter ihnen die als Skandalautorin gerühmte Jurga Ivanauskaité ("Die Regenhexe") sowie der die hohe Kunst der ironischen Kurzprosa beherrschende Jurgis Kuncinas ("Mobile Röntgenstation") oder der Dramatiker und Romancier Ricardas Gavelis ("Poker in Vilnius"). <BR><BR>In die Mitte des hellen, schlicht und klar gehaltenen, von Saulius Valius gestalteten Forums hat der Architekt seine fast raumhohe kinetische Installation aus quadratischen Papierblättern gesetzt. Segel im Wind oder leichtes, wellenartiges Wogen - beides könnte Sinnbild sein für Litauen, für seine geographische Lage wie für die wechselvolle historisch-politische Situation. Valius nennt sein Mobile denn auch "Das Buch der Geschichte". <BR><BR>Ein Blick auf die Schauwände. Zunächst auf die erste Landkarte des Großfürstentums Litauen, 1613 in Amsterdam angefertigt. Dann aber werden die Augen der Besucher auf zwei Fotos der jüngsten Geschichte gelenkt. Das eine zeigt Menschenmassen auf einer Demonstration für die Unabhängigkeit Litauens von der Sowjetunion, Mitte der 80er-Jahre. Schräg darüber das andere: 22. August 1991 - geschafft, Litauen ist frei, die überlebensgroße Lenin-Statue ist vom Sockel gehoben und hängt nun mit weit ausgebreiteten Armen am Angelhaken des Demontage-Kranes. Ein makabres Bild: Als wolle der alte Revolutionär die überwiegend katholischen Litauer auf christliche Art noch einmal segnen, bevor er selbst in Engelsgestalt in den Atheisten-Himmel der Kommunisten entschwebt. <BR><BR>Litauens Neuzeit, seine Wiedergeburt als unabhängige Nation und eigenständiger Staat beginnt. Und da zur Zukunft die Vergangenheit gehört, spart die Ausstellung im Frankfurter Buchmesse-Forum auch nicht das tragischste Kapitel Litauens aus - die Vernichtung seiner Juden, der Litwaken. Litauen war 1941 das erste Land, in dem die letzte Etappe des Holocaust, die Massenermordung, begann. Mehr als 200 000 Juden wurden hier getötet. <BR><BR>Und nach dem Krieg setzte sich die Auslöschung noch fort. Die Sowjetunion, die sich Litauen als eine ihrer Republiken einverleibt hatte, zerstörte weiter die Erinnerung an das jüdische Volk und seine Kultur. Über den jüdischen Friedhof in Vilnius, das früher einmal als das "Jerusalem des Nordens" galt, wurde eine Hauptverkehrsstraße geführt; die Grabsteine wurden missbraucht als Fundamente und Treppenstufen. <BR><BR>In der Literatur, in der Kunst werden diese Erinnerungen nun spärlich wieder aufgefrischt. Parallel zur Buchmesse bietet das Jüdische Museum in Frankfurt eine Ausstellung mit Konzert- und Theaterplakaten aus dem Wilnaer Ghetto sowie Lesungen und Diskussionen. <BR><BR>Weitere Informationen unter www.litauen2002.de  <BR>

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