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Das Attentat stürzte Holland in eine Krise: Am 2. November 2004 wurde der umstrittene islamkritische Filmemacher Theo van Gogh in Amsterdam ermordet.

Roman über Theo van Gogh

"Ein gutes Herz": Im Fegefeuer der Eitelkeiten

München - Leon de Winters Roman „Ein gutes Herz“ über seinen ermordeten Widersacher Theo van Gogh bewegt sich zwischen Satire und Selbststilisierung.

Zwei Möglichkeiten gebe es, sich zu verteidigen. Entweder vor Gericht zu ziehen – „oder zurückzuschreiben“. Leon de Winter wählte Alternative B, wie er im November 2004 im Interview äußerte. Kurz nach der Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh war das. Doch das „Zurückschreiben“ hat jetzt, neun Jahre nach dem Attentat, noch kein Ende, im Gegenteil: De Winter hat ein ganzes Buch über seinen toten Widersacher und Landsmann verfasst. Eine Abrechnung, das läge nahe. Doch „Ein gutes Herz“ ist anders. Eine wundersame Liebesgeschichte, ein Märchen aus dem Himmel, eine satirische Boshaftigkeit.

Theo van Gogh, der Provokateur, zynisch, einer, der Feindschaften geradezu suchte. Der Anschlag auf ihn war nur eine Frage der Zeit, vor allem als der Low-Budget-Regisseur mit islamkritischen Filmen die Anhänger Mohammeds gegen sich aufbrachte. Van Goghs Ermordung stürzte Holland in eine Krise – ein Verhasster, der nun vom Hass gefällt wurde: Wie sollte man sich dazu im selbst erklärten Hort der Liberalität verhalten?

Auch Leon de Winter, der jüdische Autor, war Zielscheibe von van Goghs ätzenden Einlassungen. Sein aktuelles Buch vermischt dabei Realität und Fiktion. Selbst Himmel und Hölle sind hier über van Gogh uneins. Der Regisseur muss ins Fegefeuer, in eine Art Kaserne des Jenseits. Und er hat eine Chance: Wenn er als Schutzengel erfolgreich ist, dann darf er ganz nach oben. Theos Bewährungshelfer ist Jimmy, früher auf Erden schwarzer Franziskanerpriester. Und hier beginnt der so fantastische wie versponnene Teil: Das Herz des toten Jimmy wurde in die Brust von Max verpflanzt, ein Drogenhändler und zwielichtiger Geschäftsmann. Der wiederum hatte ein Verhältnis mit Sonja. Und die, noch so eine Volte, lebt mit Leon de Winter zusammen. Warum nun das „gute Herz“ von Jimmy ausgerechnet für Max gedacht ist, auf die Antwort dieser Frage steuert dieser eigentümlich schillernde Roman zu.

Alles hängt in diesem halbfiktionalen Holland zusammen – was Wunder, der Staat ist schließlich klein. Jedes Kapitel trägt die Überschrift einer der beteiligten Personen, doch hält de Winter seine Perspektivwechsel nicht immer eindeutig durch. Eine Reihe von Themen werden aufgespießt. Die Liberalität eines Staates, die auch kritikloses Gutmenschentum sein kann. Eine politische Diskussion, die zu simpel alles ins Schwarz-Weiß-Muster packt. Der hilflose Umgang mit dem Islamismus. Leon de Winters Roman ist auch eine Entteufelung von Menschen wie Theo van Gogh – und von Geert Wilders, dem Chef der dortigen rechtspopulistischen Partei.

Die Überblendung von Politdrama und Liebesgeschichte, von Kritik und Kitsch, von Zorn und Verständnis ist provokativ und gewagt. Eine kleine niederländische Nestbeschmutzung eines streitbaren Autors: Vieles ist literarischer Essay statt Roman – aber warum nicht? Nur wenn sich Leon de Winter selbst ins Spiel bringt, dann kippt Selbstironie auch in Selbststilisierung. Dann wird es problematisch bis schwer erträglich. Und das drängt dann ganz andere Fragen auf: Ob sich mit solchem „Zurückschreiben“ nicht ganz gut Geld verdienen lässt?

Leon de Winter: „Ein gutes Herz“. Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers. Diogenes Verlag, Zürich, 505 Seiten; 22,90 Euro.

Von Markus Thiel

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