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Leonardo DiCaprio als Teddy Daniels in "Shutter Island".

Leonardo im Interview: „Ich war schwer erträglich“

München - Am Donnerstag kommt sein neuer Film "Shutter Island" in die Kinos. Im Interview erzählt Leonardo DiCaprio über die Dreharbeiten, seine Kindheit und seine erste Gage.

Graues Sakko, hellblaues Hemd, gegelte Haare, Stoppelbart am Kinn: So empfängt uns Leonardo DiCaprio in einem Berliner Nobelhotel. Der 35-jährige Hollywood-Star mit deutschen Vorfahren ist nicht mehr so zappelig wie früher, sondern wirkt ruhiger, entspannter, souveräner – kurz: erwachsener. In „Shutter Island“, dem neuen Film von Martin Scorsese, der morgen in unseren Kinos anläuft, spielt er einen Polizisten, der in einer psychiatrischen Anstalt nach einer spurlos verschwundenen Mörderin sucht. An seinem Startwochenende in den USA hat der Film stolze 41 Millionen US-Dollar eingespielt.

-In „Shutter Island“ sprechen Sie ein paar Sätze auf Deutsch. Was würde Ihre deutsche Oma dazu sagen?

Sie würde es lieben. Schade, dass sie das nicht mehr erleben kann! Meine Mutter war sehr zufrieden mit meiner Aussprache im Film und meinte, sie hätte jedes Wort verstanden. Ich spreche Deutsch zwar nicht fließend, aber ich würde in Deutschland überleben: Ich kann Essen bestellen und Hotelzimmer buchen. Als Bub habe ich vier oder fünf Sommer bei meinen Großeltern im Ruhrgebiet verbracht; kurz vor dem Mauerfall war ich mit ihnen auch mal in Berlin. Sie haben mir die Mauer gezeigt, und in meinem kindlichen Übermut wollte ich sie gleich niederreißen.

-Waren Sie einer von den wilden Kerlen?

O ja. Ich fürchte, dass ich wirklich schwer zu ertragen war: Ständig bin ich rumgerannt und habe dummes Zeug angestellt. Ich war ein wildes Kind, das einfach getan hat, was es wollte. Keine Ahnung, wie meine Mutter das ausgehalten hat.

-Wollten Sie damals schon Schauspieler werden?

Ja. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich es als Kind geliebt habe, Mamas Freunde zu imitieren. Damit konnte ich meine Mutter und meine Großeltern immer sehr zum Lachen bringen. Schon als Kind habe ich meine Eltern ständig angebettelt, mich zu irgendwelchen Vorsprechterminen mitzunehmen – lange bevor ich wusste, dass man mit der Schauspielerei auch Geld verdienen kann.

-Wissen Sie noch, was Sie für Ihre erste Gage gekauft haben?

Ich weiß noch, was die erste größere Anschaffung war, die ich mir geleistet habe: Ich habe meinem Vater ein Auto gekauft. Damals war noch gar nicht klar, ob mich der Darstellerberuf überhaupt würde ernähren können. Heute blicke ich manchmal erstaunt zurück auf das, was seither passiert ist. Nie hätte ich früher zu träumen gewagt, auch nur eine Mini-Rolle in einem Film von Martin Scorsese zu ergattern – und jetzt habe ich schon die vierte Hauptrolle für ihn gespielt!

-Sind Sie seine Muse?

Das müssen Sie ihn selbst fragen. Ich kann nur sagen, dass wir in den vergangenen zehn Jahren ein einzigartiges Vertrauensverhältnis entwickelt haben. Uns verbindet eine große Leidenschaft fürs Kino. Aber wir teilen nicht nur in filmischen Fragen denselben Geschmack, sondern lieben auch die gleichen italienischen Nachspeisen! Vielleicht liegt das an unseren gemeinsamen Wurzeln: Mein Vater ist genauso alt wie Martin Scorsese, stammt aus derselben Nachbarschaft und war sogar auf derselben Grundschule wie er.

-Wie schwer fällt es Ihnen, sich nach einem Film mit Scorsese wieder auf einen ganz „normalen“ Regisseur einzulassen?

Nun, die Zusammenarbeit mit einem Genie wie Marty kann einen schon süchtig machen. Und leider laufen da draußen einige unfähige Filmemacher herum, die sogar die besten Drehbücher ruinieren. Aber bis jetzt hatte ich Glück. Es gibt ja außer Herrn Scorsese noch ein paar andere gute Regisseure.

-James Cameron zum Beispiel, der Sie zum Megastar gemacht hat. Sind Sie traurig, dass „Titanic“ nicht mehr der erfolgreichste Film aller Zeiten ist?

Nein. Es freut mich für James, dass er sich selbst entthront hat – noch dazu mit einem so grandiosen Film wie „Avatar“. Etwas Vergleichbares habe ich noch nie erlebt: eine komplett im Computer erschaffene dreidimensionale Welt, die mich emotional völlig gefangen genommen hat. Hut ab!

-Wären Sie selbst gern auch einmal Teil einer solchen Welt?

Warum nicht? Allerdings würde ich nie ein Filmprojekt nur wegen einer faszinierenden Technik annehmen. Die Figur muss interessant sein, und die Geschichte muss mich packen – dann bin ich offen für alles. Das Thema oder das Genre eines Films sind mir vollkommen egal.

-Sind Sie ein Arbeitstier?

Ja, denn ich liebe meinen Beruf. Leider gibt es nur wenige wirklich gute Drehbücher – sobald eines kursiert, stürzen sich alle wie hungrige Hunde darauf. Ich versuche, jede gute Gelegenheit zu nutzen, die sich mir bietet, damit ich mir in 30 Jahren keine Vorwürfe wegen verpasster Chancen machen muss. Ich bin nun mal mit Leib und Seele Schauspieler: Wenn ich keine Rollenangebote mehr bekäme, dann würde ich einfach mit meinen Freunden kleine billige Filme drehen!

-Wie entspannen Sie sich zwischendurch?

Ich mache Urlaub. Oder ich verbringe ein bisschen Zeit daheim – dazu komme ich viel zu selten. Außerdem engagiere ich mich in verschiedenen Umweltprojekten.

-Ihre Homepage erweckt sogar fast den Eindruck, als seien Sie hauptberuflich Umweltaktivist. Sind Sie glücklich über das Erreichte? Oder eher frustriert, weil noch nicht genug geschehen ist?

Ich glaube, jeder, der sich für die Umwelt einsetzt, wird im Lauf der Zeit ein wenig desillusioniert: Trotz eindeutiger Warnungen der Wissenschaftler gibt es bei den Regierungen weltweit immer noch keine Anzeichen für einen radikalen Richtungswechsel, der dringend notwendig wäre. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf – und setze nach wie vor auf US-Präsident Obama: Er ist ein vernünftiger, besonnener Mann mit den besten Absichten für Amerika und die ganze Welt. Ich finde, man sollte ihm noch etwas Zeit geben. Warten wir’s ab!

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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