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Junges, spielwütiges Ensemble: Xenia Tiling als Lena und Nico Holonics als Gouvernant.

"Leonce und Lena": Im Hamsterrad der Macht

München - Hanna Rudolph inszenierte am Münchner Volkstheater Georg Büchners „Leonce und Lena“. Eine Kritik der Premiere von Kultur-Ressortleiter Michael Schleicher.

Das Leben ist eine Gratwanderung für diesen Prinzen. Auf der einen Seite geht es runter, auf der anderen steht eine graue, abweisende Wand, dahinter ist der Königshof. Doch die Türen bleiben für Prinz Leonce geschlossen. Außerdem: So wirklich rein will er überhaupt nicht. Sein Leben, seine Depressionen, seine Langeweile spielen sich auf dem schmalen Steg zwischen Abgrund und Steilwand ab, die Steffen Schmerse ins Münchner Volkstheater gebaut hat.

Die Handlung:

Prinz Leonce in der Krise: Aufgewachsen im Überfluss, vermag er keinen Sinn im Leben zu erkennen, die Langeweile quält ihn. König Peter will, dass er die ihm unbekannte Prinzessin Lena heiratet und König wird. Leonce will weder das eine noch das andere und flieht mit Valerio nach Italien. Dort trifft er auf Lena, die ebenfalls getarnt vor der Hochzeit mit Leonce geflohen ist. Die beiden verlieben sich; Valerio arrangiert die Hochzeit. Nach dieser erkennen Leonce und Lena, dass sie genau in dem Leben gelandet sind, vor dem sie flohen.

Hanna Rudolph eröffnete hier die neue Spielzeit mit einer kompakten, durchdachten und unterhaltsamen Interpretation von Georg Büchners „Leonce und Lena“. Die Regisseurin nimmt Büchner wohltuend ernst, arbeitet in ihrer Strichfassung die ätzende Kritik des Autors an Obrigkeit und staatlichen Autoritäten heraus, ohne jene jedoch zwanghaft zu aktualisieren. Dafür verknappt sie – vor allem im letzten Akt – das Liebes-Tändeln, das Hin und Her der falschen Identitäten, um rasch zum Ergebnis zu kommen: zur Hochzeit der füreinander bestimmten, voneinander geflohenen Leonce und Lena, und die Übernahme der Amtsgeschäfte durch Leonce. Willkommen im Hamsterrad der Macht.

Zwar führen die Kürzungen zum Ende der gut neunzig Minuten dazu, dass der Abend etwas holpert und stolpert, das stört aber nicht weiter. Denn Rudolph kann sich auf ihr junges, spielwütiges Ensemble verlassen, das sich Büchners Text elegant zu eigen gemacht hat. Ja, man schaut diesen Schauspielern gerne zu, weil sie mit großer Lust ihre Rollen erarbeitet haben. Allen voran Jean-Luc Bubert, der seinen Leonce mit einem Hang zum Dozieren ausstattet und der so schmerzensreich und wortgewaltig an seinen Privilegien leidet, dass man am liebsten aufstehen und ihn mal richtig herwatsch’n würde.

Die Besetzung:

Regie: Hanna Rudolph.

Bühne: Steffen Schmerse.

Kostüme: Sara Schwartz.

Musik: Kriton Klingler- Ioannides.

Darsteller: Thomas Kylau (König Peter), Jean-Luc Bubert (Leonce), Xenia Tiling (Lena), Robin Sondermann (Valerio), Nico Holonics (Gouvernant), Stefan Ruppe (Hofmeister), Kristina Pauls (Rosetta).

In Robin Sondermanns Valerio findet er den Gegenpol. Der ist ein „Erst-kommt-das-Fressen- dann- kommt- das-Fressen- dann- vielleicht- die-Moral“-Typ. Wer aber viel frisst, hat viel Energie – und Sondermann lässt sie raus. Sein Valerio spiegelt sich im Gouvernant, der Prinzessin Lena begleitet. Und Nico Holonics hütet sich zum Glück davor, den Fehler zu begehen, seine Rolle ähnlich zu interpretieren wie Sondermann. Während letzterer quirlt und sprudelt und braust, spielt Holonics den sophisticated und modebewussten Dandy – bis in die Spitze seiner rosa Stiefeletten.

Denn Stil, das weiß dieser Schnösel, der Lena zum Schuhkauf begleitet, kommt nicht mit der Post. Mühelos mithalten bei dieser männlichen Spielwucht kann Kristina Pauls. Als Rosetta, Leonce’ Geliebte aus Langeweile, ist sie zum zweiten Mal im Volkstheater zu sehen. Und so, wie sie das junge Ding zwischen Verliebtheit, Berechnung, Naivität und Nymphomanie spielt, darf man sich wirklich darauf freuen, Pauls in einer echten Hauptrolle zu erleben. Schade, dass Xenia Tiling hier nicht immer mithalten kann. Manchmal wirkt es, als trage sie ihre Rolle als Lena vor sich her, als hätte sie so gar keinen echten Zugang zur Figur gefunden. Das fällt aber nicht weiter auf, da ihre Kollegen sie nicht im Stich lassen und mitreißen.

Nächste Vorstellungen:

9., 10., 23., 24. Oktober, Telefon: 089/ 523 46 55.

Neben ihren Schauspielern sind es unaufdringliche, aber effektive Regie-Einfälle, die an Rudolphs Inszenierung gefallen. So kippt sich beispielsweise Leonce bei seinem Selbstmordversuch flaschenweise Wasser über den Schädel, und das Wirthaus, in dem die Flüchtenden einkehren, wird symbolisiert durch einen Kühlschrank, aus dem Kneipen-Geplapper zu hören ist, sobald die Tür geöffnet wird. Neben Regisseurin und Schauspielern dürfen Steffen Schmerse und Sara Schwartz an diesem Abend nicht vergessen werden. Bühnenbildner und Kostümbildnerin haben schlau und mit viel Fantasie gearbeitet: Da trägt Lena, die ja ohne ihre Zustimmung mit Leonce verlobt wurde, beim ersten Auftritt eine Ganzkörper-Geschenkschleife. Der Königshof, der sich hinter der hohen Mauer verschanzt, wirkt wie ein schnöseliger Techno-Club, dem Underground längst entwachsen.

Die Gäste sind grauhaarige Ewigjunge in weißen Anzügen und Siebzigerjahre-Porno- Sonnenbrillen. Die sind anstrengender als jeder Brioni-Kanzler. Und als Leonce und Lena fliehen, wirft Nico Holonics die abweisende Wand an der Bühnenrampe einfach um, krachend fällt sie nach hinten. Die Flucht ins Ausland weitet also den Blick des Publikums bis zur Brandmauer des Theaters – und erlaubt den Figuren, den ganzen Bühnenraum zu bespielen. Am Ende jedoch, wenn Leonce und Lena verheiratet sind und feststellen müssen, dass auch sie im Hamsterrad der Macht hecheln, ziehen Bühnenarbeiter den Schutzwall wieder in die Senkrechte. Und alles geht auf Anfang. Herzlicher Applaus für Schauspieler und Regie.

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