Literatur

Lesen – Lachen – Leben

München - Das Münchner Literaturhaus präsentierte 15 Schriftsteller und damit die „vielen Seiten einer Stadt“.

15 Münchner Autoren am selben Abend im Literaturhaus. Jeder hat zehn Minuten Zeit, aus dem aktuellen Roman oder Gedichtband vorzutragen. Dann ertönt ein Gong, der nächste klappt sein Buch auf und beginnt. Nebenan kann man sich zu den Schriftstellern an den Tisch setzen, sich unterhalten, Fragen stellen oder sich weiter vorlesen lassen. Ganz egal. Doch nach zehn Minuten erklingt auch hier der durchdringende Gong, der alle die Plätze tauschen lässt. Eine Art Speed-Dating der Literatur also – kann das funktionieren?

Und ob! Überraschenderweise geht das Konzept, das sich Literaturhaus-Chef Reinhard G. Wittmann ausgedacht hat, hervorragend auf. Bei der Erläuterung zu Beginn schauen einige Zuhörer zwar noch verstört: „Was soll ich die Autorin fragen? Mir fällt doch gar nichts Schlaues ein!“ Das Publikum ist verwirrt und fremdelt ein wenig. Während sich der kleinere Raum, in dem die Kurz-Lesungen stattfinden, rasch füllt, dauert es etwas länger, ehe auch die Stühle an den Autorentischen im Saal belegt sind. Doch Befürchtungen, im „Ruheraum“ an der Bar werde am meisten los sein, erweisen sich bald als falsch.

Die Münchner lesen ja gern und viel und haben jede Menge intelligente Fragen zu Werk und Person. Mancher Künstler kann seine Freude über die klugen Diskussionen mit den Lesern nicht verbergen. Bei einigen Autoren wie Lokalmatador Friedrich Ani ist der Andrang von Anfang an groß. Auch von Julia Benkert wollen viele mehr erfahren über die Entstehung ihres Nepal-Romans „Das Flüstern des Himmels“.

Faszinierend ist, wie mühelos sich für den Zuhörer der Wechsel zwischen den einzelnen, inhaltlich und stilistisch ja oft vollkommen gegensätzlichen Werken vollziehen lässt: Steven Uhly liest eine erschütternde, eindringlich beschwörende, behutsam wie ein Lied komponierte Passage aus seinem „Königreich der Dämmerung“. Es folgt der hermetisch geschlossene, hochkomplexe Auszug über Neurochirurgie aus Christine Wunnickes „Der Fuchs und Dr. Shimamura“. Kurzes Luftholen beim Prolog von Gunna Wendts „Die Bechsteins. Eine Familiengeschichte“ und dem leichten, launigen Kapitel „Frau Katze heiratet“, das Nathalie Weidenfeld aus „Der Tag, an dem Mama die Krise kriegte“ so munter vorträgt. Eifrig notiert man im Publikum die Namen der Autoren, deren Bücher man „sich unbedingt demnächst besorgen“ muss.

Weiter geht’s mit Marcus H. Rosenmüller. Der Filmemacher Rosenmüller dürfte den Rummel um seine Person seit dem Riesenerfolg „Wer früher stirbt ist länger tot“ gewöhnt sein. Nervosität merkt man dem Lyriker Rosenmüller aber doch an, als er mit dem Gedicht „Muttersöhnchen“ beginnt. Die verfliegt schnell, und neben Versen über das perfekte Glück am Sommermorgen oder dem Ringelnatz-haften „Jahrhundertwerk“ bleibt dem „Rosi“ immer noch Zeit für ein paar Anekdoten. Auf die verzichtet Karin Fellner mit ihrer völlig anderen Art von Poesie. Die Strophen aus dem Band „Ohne Kosmonautenanzug“ sind weitaus vielschichtiger. Aber erstaunlicherweise offenbart sich auch in den – natürlich immer viel zu knappen – zehn Minuten die zarte Schönheit ihrer Zeilen.

Ulrike Frick

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