Mit dem Leser Achterbahn fahren

Peter Høeg: - Der Roman "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" katapultierte den Dänen 1994 an die Spitze der Bestsellerlisten. Drei Jahre später tauchte Peter Høeg plötzlich ab -­ bis jetzt, bis zur Veröffentlichung von "Das stille Mädchen". Der heute 50-jährige hat ein bewegtes Leben hinter sich: Nach dem Literatur-Studium ließ sich Høeg zum Schauspieler und Tänzer ausbilden, unterrichtete unter anderem an der Volkshochschule und arbeitete auch als Matrose.

Sie haben über zehn Jahre lang kein Buch veröffentlicht. Und Sie haben in dieser Zeit so abgeschieden und anonym gelebt, als ob ­ wie bei Ihrem neuen Helden Kaspar Krone -­ die Steuerfahndung hinter Ihnen her wäre. Jetzt erscheint ein neuer, 450 Seiten starker Roman. Heißt das nun: Peter Høeg ist wieder da ­ frisch und munter wie eine dänische Makrele?!

Peter Høeg: Es war nie meine Ambition, ein Bestsellerautor zu werden. Das ist mir wirklich zugestoßen. Und ich habe auch nie bewusst versucht, den Erfolg von "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" zu wiederholen. Es könnte wirklich sein, dass ich das letzte Mal in der Öffentlichkeit auftrete. Ich bin Schriftsteller. Im Akt des Schreibens fühle ich eine gewisse Form von Autonomie und Spontanität. Interviews und öffentliche Auftritte bereiten mir hingegen Schwierigkeiten. Und so habe ich einfach beschlossen, mich für zehn Jahre völlig zurückzuziehen. Ich wollte mein Buch schreiben. Aber als mein neuer Roman dann fertig war, habe ich mir gedacht, ich sollte doch ein wenig mit meinen Lesern in Kontakt treten. Damit niemand denkt, Peter Høeg sei ein eingebildeter Mensch. Genau deswegen sitze ich jetzt hier in München.

Ihr neuer Roman beginnt mit den Worten "Gott die Herrin". Und in gewisser Weise bestimmt "Gott die Herrin" das gesamte Romangeschehen. Möchten Sie damit ein wenig Blasphemie unter die Leute bringen? An die mythische Urmutter mit unzähligen Brüsten glauben Sie ja wohl nicht.

Høeg: Einen Teil meiner Kindheit habe ich in einer streng christlichen Schule verbracht. Da wurde viel von der Dreieinigkeit erzählt, also: Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Und da fand ich es schon eigenartig, dass Gott ein Mann ist. Ich habe meine Klassenkameradinnen angeschaut und gedacht: Na ja, wenn ich ein Mädchen wäre, würde ich mich in einem solchen Universum nicht gerade entspannt fühlen. In meinem neuen Roman geht es ja um ein mögliches Erleben von transzendenter Realität. Ich wollte ein bisschen mit den christlichen Archetypen spielen ­ und auch mit dem Bild von Gott als Mann. Das ist von mir durchaus als Provokation gemeint. Aber nicht als Blasphemie. Ich habe großen Respekt vor der christlichen Religion.

Ihr Romanheld Kaspar Krone ist ein berühmter Clown. Allerdings ist er ein wenig heruntergekommen. Der Clown ist der Mensch der vielen Masken. Er ist der Mensch, der fast gleichzeitig weinen und lachen kann. Warum haben Sie einen Clown als Helden gewählt, noch dazu einen, der manchmal verwirrt ist.

Høeg: Na ja, sind wir denn nicht alle ein bisschen verwirrt? Kasper Krone ist für mich ein multidimensionaler Mensch wie letztlich alle Menschen. Er hat daher auch eine ethische Seite. Ich glaube, man kann nicht Antworten auf die großen Fragen suchen, ohne auch mit seiner eigenen Verwirrtheit konfrontiert zu werden. An sich fasziniert mich die Figur des Clowns deswegen, weil er viele verschiedenen Seiten in sich vereint. Es gibt Clowns, die eine dunklere Stimmung haben wie zum Beispiel Chaplin, bei dem sich Lachen und Weinen vereinen. Und dann gibt‘s Clownsfiguren wie Dario Fo, der ein lichterer, freundlicherer Clown ist. Kaspar Krone lacht mehr, als er weint. Als Clown hält er Kontakt mit der Kindlichkeit in sich selbst. Trotzdem ist Kasper Krone ein ganzer Mann. Das ist ebenso wichtig.

Im Roman "Das stille Mädchen" gibt es einen Hauptstrang: Es ist die Suche nach dem entführten Mädchen Klara Maria. Daneben existieren viele Handlungsstränge, die den Leser weit wegführen vom Hauptgeschehen. Möchten Sie damit sagen: So ist das Leben, wenn Du nach dem Höheren suchst?

Høeg: In Büchern haben wir Möglichkeiten, fantastische Gegebenheiten zu schildern, die nicht unserer Realität entsprechen, aber ein neues Licht auf die Wirklichkeit werfen. Ich habe versucht, die Schleifen einer Achterbahn nachzuzeichnen. Alle Bücher, die ich liebe, haben etwas von einer Achterbahn. Es gibt Leser, die setzen sich ins Buch und freuen sich auf die Fahrt. Aber es gibt auch Leser, die während der Tour mit der Achterbahn plötzlich wilde Musik hören. Sie entdecken, dass die Frau neben einem besonders bleich ist. Sie sehen vielleicht ein Kind hinter sich, das vor Freude auflacht, aber tatsächlich im Gesicht Wolfszähne trägt. Und plötzlich bemerkt man, dass die Achterbahn in der Luft schwebt und gar nicht auf festem Grund verankert ist. Dass sich der Leser von dieser künstlerischen Kraft weiter und weiter treiben lässt, ist eine wichtige Ambition meines Buches.

Wie in "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" bieten Sie in "Das stille Mädchen" eine Mischung aus Kriminalgeschichte und Übersinnlichem. Ist das die notwendige Mixtur für einen Bestseller?

Høeg: Das ist Blödsinn. Das ist völlig naiv gedacht, was den kreativen Prozess anbelangt. Ich schreibe die Bücher, die für mich notwendig sind. Ein Buch ist ein Teil der Kommunikation: Ich will Menschen erreichen, mit ihnen in Kontakt treten. Ich will mich mit ihnen im Universum des Buches treffen. Ich brauche Leser, die tief beeindruckt von meinen Büchern sind, aber das müssen keine Millionen sein. Ich brauche einige Hundert oder einige Tausend Leser.

Im Roman gibt es zahlreiche philosophische Sentenzen, auch witzige. Etwa: "Zahlreich sind die, die glauben, sie hätten in diesem Leben eine Karte für Gilbert und Sullivan gekauft. Und erst wenn es zu spät ist, entdecken sie, dass das Dasein ein Stück Untergangsmusik von Alfred Schnittke ist." Ist das Ihr schwarzer Humor?

Høeg: Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Die Sprache, die Philosophie und natürlich auch der Humor einer Epoche entstehen ja durch die Gesellschaft. Die Sprache, die ich spreche und in der ich schreibe, gehört ja nicht nur mir, sondern all denen, die sie mit mir teilen. Humor muss ich mit anderen teilen können, bloß allein lachen, ist ganz schön traurig. Wir werden heute stark mit dem islamistischen Fundamentalismus konfrontiert, mit Leuten, die nur eine Meinung gelten lassen ­ nämlich die ihre. So, und jetzt frage ich Sie: Haben Sie je einen Fundamentalisten lachen gesehen? Hat je ein Fundamentalist einen Witz gemacht? Nein! Vielleicht sollten wir dem Fundamentalismus mit ein wenig Humor begegnen, ohne uns über den Islam lustig zu machen. Schwarzer Humor könnte in unserer Epoche vielleicht ein sehr heilsames Mittel sein.

Das Gespräch führte Andreas Puff-Trojan.

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