Lessings Schneewittchen

- Irgendetwas irritiert an Marina Galic. Die große, zartgliedrige Schauspielerin ist ein Schneewittchen: weiß wie Schnee der Teint, schwarz wie Ebenholz das Haar, rot wie helles Blut die Fingernägel - der Lack allerdings ein wenig schäbig, weil zur Hälfte abgeblättert. Wie abgekaut. "Das ist Recha", erläutert Galic amüsiert. Im Sommer, als sie bereits "mit Recha spazieren ging", wie sie sagt, fand sie den leuchtenden Nagellack in einem Schaufenster. Er lässt in ihr das Feuer auflodern und spiegelt das etwas Ungeschickte wider, beides ist für ihre Vorstellung von der Figur zentral.

<P>Ab Sonntag spielt Marina Galic im Residenztheater neben Rudolf Wessely als Nathan dessen Pflegetochter Recha, die ein Tempelherr aus dem Feuer gerettet hat und die nun für ihren Retter glüht. Elmar Goerden inszeniert Lessings "Nathan der Weise", dieses Versöhnungsstück zwischen den Religionen, in einem Jerusalem, das kein Ort des Friedens ist. Wo Sirenen heulen und "die Hitze der Metropole" spürbar wird, verrät Galic.</P><P>Hitze der Metropole</P><P>Sie trägt eine Art Bilder- und Ideenbuch mit sich herum. Zeigt ein Foto von einer sich schwanenhaft bewegenden Tänzerin. Oder von einer Frau auf einer Luftmatratze im Swimmingpool, der Zeitungsausschnitt ist versehentlich etwas angesengt - wieder ein Steinchen im Mosaik der Figur Recha. So liebevoll, wie Galic  mit diesen Bildern umgeht, scheinen sie für ihre Rollengestaltung wichtiger Inspirationsquell zu sein. Das mag auch daran liegen, dass Galic fast eine Malerin geworden wäre.</P><P>Nach ihrem Abitur 1993 in Frankfurt stellte sie bereits eine Mappe zusammen, als ihr klar wurde: "Nie wieder würde ich in die Garderobe gehen oder hinter der Bühne sitzen und lauern." Da war sie bereits vier Jahre lang im Schülerclub des Schauspiels Frankfurt aufgetreten. "Es geht nicht mehr ohne", stellte sie schließlich fest und meinte all die schönen Rituale der Theaterwelt. In Hamburg hätte die Schauspielschule sie ebenfalls genommen, die Münchner Falckenbergschule zog Galic aber vor. "Die Nähe zum Theater, den Kammerspielen, war etwas Besonderes. Mit offenem Mund schaute man den älteren Kollegen zu. Das Residenztheater ist deshalb kein fremder Ort für mich. Viele Kollegen kenne ich vom Schauen."</P><P>Zunächst war Galic an vielen Theatern unterwegs: Zürich, Berlin, Bochum, wieder Frankfurt, dort in "Psychose 4.48" von Sarah Kane als Solo. Ihre erste Rolle am Residenztheater gab ihr Dieter Dorn vor einem Jahr: die Leila in Genets "Wänden". Und nun also die Recha. Eine schwärmerisch naive Figur, wie Alexander Lang sie 1995 in den Kammerspielen inszenierte? "Nein. Weder rotbackig noch kurzatmig. Recha bleibt ganz bei sich. Aber die Rettung hat ihr Leben verändert. Wie ein Maler oder Fotograf stellt sie das dar: Sie hat ,einen Engel von Angesicht zu Angesicht gesehen. Was in diesem Moment passierte, bleibt wie beim Käthchen oder bei der Marquise von O. ein Geheimnis. Es liegt bis zum Ende über dem Stück und treibt es an."</P><P>Dass dieses Stück mit einer Grundsatzdebatte beginnt, fasziniert Galic: "Jede Figur hat auf ihre Art Recht. Die Figuren bekommen etwas Glaubhaftes, weil sie nicht nur von der Theorie leben, sondern eine Hitze und ein Fieber in ihnen ist." Der "Nathan" - etwa doch nicht nur Toleranz-Plädoyer und versüßte Schullektüre? "Man darf in Lessing nicht nur den Kritiker, Erzieher und Besserwisser sehen. Er hat diese temperamentvollen Frauenfiguren geschaffen: Emilia Galotti und Minna von Barnhelm. Und eine moderne, freiheitliche Recha, die, nachdem sie von ihrer wahren Abstammung erfährt, entscheidet, Nathans Tochter bleiben zu wollen."<BR></P>

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