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Thomas Bernhards Kinder- und Jugendgeschichten werden gelesen von Ulrich Matthes, Peter Simonischek, Wolfram Berger, Burghart Klaußner und Gert Voss.

Lesungen im Audio-Verlag: Die fünf "Autobiographischen Schriften"von Thomas Bernhard

München - Fünf Stimmen, die sich um eine ganz, ganz große Stimme gruppieren. Thomas Bernhard wäre im kommenden Jahr, am 9. Februar, 80 Jahre alt geworden. Im Vorfeld hat Der Audio Verlag seine „Autobiographischen Schriften", die heuer für verschiedene Rundfunkstationen eingelesen wurden, herausgebracht.

Ein beeindruckendes Unternehmen. Nicht nur weil die Texte atemberaubend gut und zutiefst menschlich sind, dabei schlichter, erzählerischer als die fiktionalen, sondern weil die bekannten Schauspieler ebenso schlicht und unkapriziös lesen. Da tönt nichts, da schauspielert schon gar nichts. Und manchmal merkt der Zuhörer ihnen die Erschöpfung bei diesen nicht immer leichten und oft Lebensqual-schweren Geschichten an. Hier sind die Künstler Menschen, uns Normalos ganz nah - wie Thomas Bernhard (1931-1989), der grandiose Dichter selbst.

In den 70er-Jahren begann Bernhard - 1963 hatte er mit dem Roman „Frost“ einen Riesenerfolg -, sich über seinen Lebensweg, sein So-Gewordensein schreibend Gewissheit zu verschaffen. 1975 erschien „Die Ursache. Eine Andeutung“, die Ulrich Matthes liest. Bernhard setzte bei seinen Reflexionen nicht chronologisch in der frühen Kindheit ein, sondern mit seiner Internatszeit in Salzburg. Die Nazi-Terrorerziehung, überhaupt die Pein der Schulausbildung, und der Bombenkrieg verquicken sich zu einer einzigen Angst-Atmosphäre. Der Ort Salzburg ist durchtränkt mit Negativem. Bernhard fand grausame Bilder der Ausweglosigkeit wie das der Menschen in den Bergstollen: Sie suchen dort Zuflucht vor den Bomben, ersticken aber wegen des Sauerstoffmangels. Matthes trägt das mit dem Schmerz des 13-jährigen Thomas vor; manchmal ein bisschen zu „fühlbar“.

„Der Keller. Eine Entziehung“ (1976 erschienen) erzählt vom Befreiungsschlag. Passend dazu liest das in seinem leichteren österreichischen, unsentimentalen Duktus Peter Simonischek. Die verhasste Schule lässt der Bursche hinter sich, geht zum Arbeitsamt - wunderbar komische Szene - und besorgt sich eine Lehrstelle bei einem Lebensmittelhändler. Der Intellektuelle und Sensible wählt gezielt ein Salzburger Glasscherbenviertel, fühlt sich ausgerechnet dort wohl. Der Hörer erlebt einen profunden Sozialkritiker, keinen ahnungslosen Salon-Kommunisten. Bernhard analysierte die Ausweglosigkeit der Armut. Zugleich die seines eigenen schriftstellerischen Anspruchs: Er möchte die Wahrheit sagen, aber „die Wahrheit ist nicht darstellbar“, musste er konstatieren. In diesem Umfeld hatte sich Bernhard eine nasse Bauchfellentzündung zugezogen, Grund für seine Lungenkrankheit.

War der Tod im Krieg ein blind zuschlagendes Phänomen, bedrohte er jetzt sozusagen gezielt den jungen Mann. „Der Atem. Eine Entscheidung“ (1978), nüchtern gelesen von Wolfram Berger, zeigt den Kämpfer Bernhard, der sich fürs Atmen, fürs Leben entscheidet. Wieder imaginierte er Höllen-Bilder, gerade aus dem Krankenhaus, als Mischung aus Kafkas spezieller Groteske und Piranesis (gezeichneten) Verliesen. All das steigert sich noch, obwohl man es kaum fassen kann, in „Die Kälte. Eine Isolation“ (1981), als Thomas Bernhard in die Lungenheilanstalt gehen musste. Burghart Klaußner spricht das mit gläserner Nüchternheit, was Bernhard mit manchmal boshafter Genüsslichkeit am Ekel - die Sputum-Tiraden! - ausformuliert. Neben dem Todesmotiv läuft wie in allen Büchern das andere Schreckensmotiv her: die Einsamkeit. Extrem: der total ausgestoßene Lungenkranke.

Ebenfalls schon extrem bei „Ein Kind“, mit dem Bernhard 1982 die fünfbändigen „Autobiographischen Schriften“ abschloss (weiteres war geplant). Also eigentlich mit dem Anfang, von Gert Voss, in Bernhards Dramen ein echter Könner, bisweilen zu schlampig gestaltet. Der Dichter bewegte sich unglaublich leicht und frei in diesem Kindheit-Erzählen. Zwischen Lausbubenstreichen und fast tödlicher Seelennot. Zwischen inniger Großvater-Liebe und hellsichtiger Familienanalyse. Zwischen Bauern-Welt und Stadt-Chaos. Berührend ist immer wieder seine Treue zu Kinderfreunden, die er als Autor wieder besuchte.

Einst und Jetzt sind ineinandergeglitten. Thomas Bernhard modellierte ein Selbstporträt, um sich und anderen seinen Umgang mit Themen, seine „Technik“ und Zielsetzung deutlich zu machen. Eine große Bereicherung, die weit über die reine Vita hinausweist.

Simone Dattenberger

Thomas Bernhard:„Autobiographische Schriften“. Gelesen von Ulrich Matthes, Peter Simonischek, Wolfram Berger, Burghart Klaußner, Gert Voss. DAV, 15 CDs, 1122 Minuten.

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