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Zwei, die sich gefunden haben: B. B. King (1925–2015) innig verbunden mit Lucille. Seiner Gitarre widmete der Musiker ein Lied: „Lucille took me from the plantation/ Or you might say brought me fame“, heißt es darin. Sie habe ihn von der Plantage geholt – und berühmt gemacht.

Trauer um den Bluesmusiker

Der letzte Kuss - Ein Nachruf auf B.B. King

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München - Trauer um den Bluesmusiker B. B. King, der im Alter von 89 Jahren starb und bereits zu Lebzeiten eine Legende war

Am Ende, wenn alles gut gelaufen und der „King of Blues“ zufrieden war mit dem Konzert, dankte er Lucille stets mit einem langen Kuss. Natürlich war diese Geste, die Lippen auf dem matt glänzenden, schwarzen Lack der halbakustischen Gitarre, immer auch Koketterie, war Teil seiner Show fürs Publikum. Doch erzählt diese Zärtlichkeit zudem vom besonderen Verhältnis zwischen diesem Musiker und seinem Instrument. So behutsam er Lucille küsste, so spielte B. B. King die Gibson: würdevoll, zurückgenommen. Er gab dem Klang Raum und kitzelte noch das letzte Quäntchen Bedeutung aus den Tönen, indem er sie mit kräftigem Vibrato versah und die Saiten extrem zog. Lucille brachte er damit zum Jauchzen oder zum Klagen.

So prägte B. B. King, der am Freitag im Alter von 89 Jahren gestorben ist, nicht nur die Bluesmusik. Auf diese Weise beeinflusste er Gitarristen wie Jimi Hendrix, Keith Richards, Stevie Ray Vaughan und Eric Clapton, der mit ihm das in seiner großen Ernsthaftigkeit so berührende Album „Riding with the King“ (2000) aufnahm. Damals war der Künstler längst Legende.

Doch dieser Musiker, der am 16. September 1925 im Mississippi-Delta als Riley B. King, Sohn armer Arbeiter auf einer Baumwoll-Plantage, zur Welt kam, war nicht nur auf seiner Gitarre ein begnadeter Geschichtenerzähler. King hat es stets prächtig verstanden, am eigenen Mythos mitzuweben. Da ist natürlich und vor allem die Geschichte mit Lucille: Seit 1949 im Musikgeschäft (damals wurde er in Memphis als „Blues Boy“ fürs Radio engagiert, woraus später B. B. werden sollte), spielte King in den Fünfzigern an einem Wintertag in einem Kaff im US-Bundesstaat Arkansas. Während des Konzerts prügelten sich zwei Männer, ein Fass Kerosin, eigentlich zum Heizen gedacht, wurde umgestoßen, der Laden fing Feuer – King floh mit den anderen nach draußen. Dort stellte er fest, dass er seine Gitarre zurückgelassen hatte, kehrte zurück ins brennende Gebäude und rettete das gute Stück. Angeblich soll eine Frau namens Lucille Grund für die Keilerei gewesen sein. Nachprüfen lässt sich das freilich nicht mehr, aber B. B. King hatte einen Namen für sein Instrument, dem fortan seine Liebe galt. Was ihn indes bei Konzerten nicht davon abhielt, ausgiebig und charmant mit den Damen vor der Bühne zu flirten, selbst im hohen Alter noch. Nur eines übertreffe Lucille, gestand er einst seinem Biografen: „Richtiger Sex mit einer richtigen Frau.“ Man darf vermuten, dass er wusste, wovon er sprach: 15 Kinder soll er gezeugt haben, round about. Mit 15 verschiedenen Frauen, mit keiner war er verheiratet. Seine beiden Ehen scheiterten – auch, weil er ständig am Touren war. In manchen Jahren sollen es gar 360 Konzerte gewesen sein.

B. B. Kings Auftritte waren Hochämter des Blues: Würdevoll schritt er auf die Bühnen rund um den Globus, ein imposanter Mann bis zuletzt. Bevor er einen Ton spielte, warf er Plektren in die Menge – und seine Zuhörer fingen diese kleinen Gitarren-Plättchen auf, als seien es Hostien. Gehen und Stehen fiel dem Hochbetagten in den letzten Jahren schwer, schließlich spielte er die Konzerte komplett im Sitzen. Selbst da kam sein Hüftschwung noch lasziv. Und während Handtuch und Wasser in Griffnähe bereit standen, vergaß King nie zu erwähnen, dass er manchmal doch lieber einen ordentlichen Scotch hätte.

Denn er war ja nicht nur ein großer Sänger und überragender Gitarrist, sondern auch Showman, ein Unterhalter, der plaudern konnte und wollte. Der Blues hat ihn jung gehalten – umgekehrt war es genauso. King war keiner, der ausschließlich seinen Ruhm verwaltete, sondern er ließ stets seine Spiellust toben. Als er vor vier Jahren zum letzten Mal in München auftrat, machte er aus dem eher überschaubaren Standard „Rock me Baby“ (1964) eine herrliche Mitsing-Hymne und gab dem zu oft gehörten Gospel „When the Saints“ alle (Glaubens-)Kraft zurück, indem er ihn als deftigen Rock interpretierte. Der Blues war bei B. B. King eben nicht nur Klagelied übers Betrogenwerden, übers Verlassensein und die Einsamkeit. „The Thrill is gone“ (1969) mag sein größter Erfolg gewesen sein – doch bei aller Melancholie verpasste er seinen Nummern, gerade live, immer auch eine satte Portion trotziger Lebenslust. Deshalb wird B. B. Kings Musik überdauern – auch wenn, traurig genug, Lucille fortan ungeküsst bleibt.

Zum Tod von B. B. King sendet das Bayerische Fernsehen an diesem Samstag von 23.35 Uhr an Jon Brewers Dokumentarfilm „B. B. King – The Life of Riley“.

von Michael Schleicher

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