Der letzte Romantiker

- Heinrich Mann fühlt sich unwohl, das ist nicht zu übersehen. Es ist 1923, er hat sich nach langer, offener Feindschaft mit Bruder Thomas versöhnt, und jetzt posieren die beiden Vorzeige-Autoren für die Kamera. Doch gleicht Heinrich mehr einem Kommunionkind - mit schiefer Fliege und fliehendem Blick, überschattet von einem viel zu großen Hut.

Er versucht, Haltung anzunehmen, und wirkt unfreiwillig komisch. Thomas steht daneben - ganz Repräsentant. Es ist bezeichnend, dass er es sogar auf den Einband der Biografie "Heinrich Mann" von Manfred Flügge geschafft hat.

Man kriegt den einen nicht ohne den anderen. Thomas Mann wäre nicht der geworden, der er war, hätte er nicht seinen "Anti-Heinrich" gehabt, den Wegbereiter, von dem er sich abgrenzen konnte. Heinrich Mann selbst hat schließlich akzeptiert, wer der eigentliche "große Bruder" war. Manch politischer Fehler und literarischer Schnellschuss in seinem Leben verdecken dabei, dass der Autor des "Professor Unrat", des "Untertan" und des "Henri Quatre" nicht nur der große Verlierer in dieser mythischen Sippe war, sondern ein großer Dichter.

Geboren wurde Heinrich Mann am 27. März 1871. "Wer von 1871 bis 1950 lebte, hatte kaum Gelegenheit gehabt, sich mit Deutschland anzufreunden", so Flügge, der erklärt, was Mann zu dem Widerspruch werden ließ, der er war: ein Utopist, der die Realität erklären will, ein Romantiker, der Aufklärer sein will, ein Einsamer, der unablässig die Gesellschaft beschwört. Geprägt von der brasilianischen Herkunft seiner Mutter und der Enge seiner Vaterstadt Lübeck habe Mann sich zeitlebens nach "erlösender Fremde" gesehnt.

Diese glaubte er, in der Idee von Italiens Leidenschaft und Frankreichs Kraft des Geistes zu finden. Beides war mehr erlesen als erlebt, auch wenn er lange Zeit in Riva und Nizza verbrachte - begleitet von Musen, die der Erotiker in Theatern und Tingeltangeln kennengelernt hatte (den unglücklichen Gattinnen Mimi Kanová´ und Nelly Kröger sind anrührende Seiten gewidmet).

Heinrich Mann war zu messerscharfer Analyse fähig, das bewiesen seine Satiren auf das Kaiserreich. Er erwies sich in einer Zeit, in der sich Thomas reaktionär verstieg, als Visionär. Hitler aber unterschätzte er, während er Stalin verklärte. Bereits im französischen Exil 1935 versuchte Moskau, ihn zu gewinnen - und der schon immer mehr der Utopie als der Realität Verpflichtete ließ es zu.

Als ihn das Schicksal nach Los Angeles verschlagen hatte, war er von russischem Geld abhängig. Während Thomas im Luxus lebte und sagen konnte, "Wo ich bin, ist Deutschland", fristete der Heimatlose seine letzten Jahre im toten Winkel (gestorben am 12.4.'05). Da steckt er im Grunde immer noch, daran wird wohl auch Flügges spannende Dokumentation wenig ändern. Der Autor pendelt zwischen den Extremen, die Heinrich Manns Schaffen zulässt: Begeisterung und tiefe Enttäuschung. Für ihn ist Mann "der letzte Romantiker". Sein Bezug zur Welt habe etwas von "lebenslanger Verstellung", ein Zug, der beiden Mann-Brüdern gemein ist. Am schönsten beschrieben hat ihn wieder Thomas: in der Figur des Hochstaplers Felix Krull.

Manfred Flügge: "Heinrich Mann".

Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 512 Seiten; 24,90 Euro.

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