Lyduschka (Lyda Salmonova) liebt den Studenten Balduin, doch der will unbedingt gesellschaftlich aufsteigen.

Das Orchester Jakobsplatz spielte zu „Der Student von Prag“

Der letzte Stummfilm-Schrei

  • Michael Schleicher
    VonMichael Schleicher
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Das Orchester Jakobsplatz spielte im Rahmen seiner Reihe „Flimmerkammer“ in den Münchner Kammerspielen zu „Der Student von Prag“. Lesen Sie hier unsere Kritik:

München – Mitunter muss im Saal das Grauen geherrscht haben, 1913, als „Der Student von Prag“ in den Kinos lief. „Menschen schrien im Parkett auf“, notierte ein Kritiker damals, „und wagten nicht, auf die Leinwand zu sehen, da sie dort zweimal leibhaftig dieselbe Gestalt sahen.“ Berlins Zensoren verhängten ein Jugendverbot; die bayerischen Kollegen strichen gleich ganze Einstellungen.

Ja, Hanns Heinz Ewers’ Produktion hat einen wichtigen Platz in der Historie des Kinos. Wie innovativ die Macher vor mehr als 100 Jahren mit den technischen Möglichkeiten des damals noch jungen Mediums spielten, war jetzt in den Münchner Kammerspielen zu erleben. Am Mittwoch spielte das Orchester Jakobsplatz im Rahmen seiner „Flimmerkammer“-Reihe die Musik von Josef Weiss zur Filmvorführung.

„Der Student von Prag“ hat einen wichtigen Platz in der Filmgeschichte

Wenig ist über den Komponisten bekannt, wie Dirigent Daniel Grossmann in seiner launigen Einführung erläutert. Geboren 1864, gestorben wohl 1945, schrieb der einstige Liszt-Schüler für den „Studenten“ eine der ersten Original-Kompositionen – bis dato wurden Stummfilme mit vorliegendem Material orchestriert. Weiss’ Musik illustriert und kommentiert die Szenen, fügt oftmals den Bildern eine weitere Erzählebene hinzu oder zitiert Alltagsgeräusche. Das Orchester Jakobsplatz spielt das punktgenau, mit Frische und Witz.

Daher wären dem Abend mehr Besucher zu wünschen gewesen. Denn nicht nur die Musik macht Ewers’ Gruselfilm besonders. „Der Student von Prag“ gilt als weltweit erster Autorenfilm, das heißt, er basiert auf einem eigenen Drehbuch. Vorher drehten die Kinopioniere Dokumentarisches oder adaptierten Literatur. Die Produktion war zudem mit gut 85 Minuten einer der ersten abendfüllenden Spielfilme und mit Profi-Schauspielern besetzt – nicht nur in der Hauptrolle, die Paul Wegener übernahm. Ewers fand sein Ensemble fast ausnahmslos am Deutschen Theater Berlin. Und schließlich gelang seinem Kameramann Guido Seeber etwa mit Doppelbelichtungen und geschickten Schnittfolgen, dem Genre seine eigenen Möglichkeiten aufzuzeigen und es so von der Ästhetik des Theaters zu befreien.

„Der Student von Prag“, der sein Spiegelbild an einen Zauberer verkauft und fortan von seinem Doppelgänger verfolgt wird, funktioniert deshalb bis heute. Auch wenn in den Kammerspielen keiner aufschrie.

Nächste Vorstellung

Am 7. März, 21 Uhr, spielt das Orchester Jakobsplatz Schostakowitschs Musik zu „Das neue Babylon“;
Karten unter Telefon: 089/ 122 895 99.

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