Der letzte Tango im Altenheim

- Sie sitzen nur da, aufgereiht vorne an der Rampe, die acht Darsteller von Luk Percevals Antwerpener Ensemble Het Toneelhuis. Sehr sehr lange sitzen sie so. Und dennoch weiß man in der wartenden Öde dieses Beginns: Genau so muss es sein. Und: Dies wird kein unsinnig auf Stühlen tanztheaternder Abend - die Gefahr lauert ja immer bei den Regietheater-Neudeutern -, dieser "Onkel Wanja", was immer Perceval damit anstellt, er wird gut. Euphorischer Beifall für den (deutsch übertitelten) Gastauftritt in den Münchner Kammerspielen. Nach "Lear", Percevals "Pflegefall", erfindet er in diesem Tschechow den "letzten Altenheim-Tango" - ganz nah an Beckett, in der Tristesse der Vergeblichkeit eine wunderbare leise Poesie.

<P class=MsoNormal>Gleichsam Abbild der inneren Leere: Anette Kurz' mit einem hohen grünen Fundus-Vorhang ausgeschlagener leerer Tanz-Saal, der Blick und Aufmerksamkeit ganz auf die Figuren fokussiert. Zu den aus Uralt-Boxen dudelnden Opernklängen, abgewrackt wie sie selbst, erheben sich nacheinander der Professor, die junge Gattin, Wanja, seine kleinstädtisch aufgetakelte Mutter, selbst die alte, meist urkomisch halblaut vor sich hin brabbelnde Kinderfrau für ein Tänzchen auf diesem ausgetretenen, wellig aufgeworfenen Parkett: leicht behinderte Tanz-Bewegungen, nicht eine Sekunde selbstzweckhaft, die der Gebrechlichkeit des Alters eine rührende Komik geben. Körpersprache, über die sich diese Endzeit-Figuren und ihre Beziehungen zu einander definieren. Die Lethargie, die Verklemmtheiten, Sehnsüchte, die nie geliebte Liebe.</P><P class=MsoNormal>Und da ist dann auch der gekürzte, robust flämische Text (Perceval und Dramaturg Jan van Dyck) direkt bei uns. Hier kein gepflegtes Salon-Parlieren - und dennoch ist der Inhalt überraschend nah bei Tschechow: Wanja in seiner aufmuckenden Ruppigkeit, die begehrte und begehrende Jelena, Astrow in seinem über Stühle balancierenden speichelnden, kotzenden Suff, die verschmähte auf hohem blechernen Ton schrill jungfernde Sonja - es ist alles da. Und gerade in der gelegentlichen Überzeichnung, dies die besondere Qualität des Abends, gelingt ein totaler Realismus. Sogar Astrows Waldpflege-Missionierung geht als Umwelt-Kritik näher an uns heran, als in manch "traditioneller" Inszenierung.</P><P class=MsoNormal>Was aber diesen "Wanja" vor allem so spannend macht, ist, dass man, praktisch auf einer zweiten Ebene, mit-schauen kann, wie die einzelnen Szenen, Dialoge, Gesten in der gemeinsamen Arbeit mit Hans Van Dam, Ruth Bequart, Ariane Van Vliet, Gilda De Bal, Vic De Wachter, Tom Dewispelaere, Jos Van Gorp und Kristin Arras entstanden und gewachsen sind. Regisseur Perceval also am besten mit seinem eigenen exzellenten(!) Schauspieler-Team.</P>

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