Mit letztem Ewigkeits-Schliff

- Die Hebamme des legendären New Yorker Guggenheim-Museums, Hilla von Rebay (1890-1967), die selbst Malerin war, wurde im vergangenen Herbst/Winter in Bayern geehrt. Das Münchner Museum Villa Stuck und das Murnauer Schlossmuseum erinnerten an die Deutsche, die eine heute weltweit agierende Institution initiiert hatte - und die vergessen ist. Nur noch der Name Guggenheim tönt international, besonders gefördert unter der aktuellen Leitung von Thomas Krens.

Jetzt wird die Hommage an von Rebay ergänzt durch die Schau "The Guggenheim Collection" in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn: die größte je gezeigte - Versicherungswert eine Milliarde Euro. "Die Guggenheim-Mitarbeiter kommen zu uns, um mal ihre gesamte Sammlung zu sehen", strahlt Hallen-Chef Wenzel Jacob, denn er kann Werke sowohl aus New York als auch aus Bilbao, Berlin und Venedig zusammenfassen.

Vom Impressionismus bis zur Gegenwart

Die 1992 eröffnete Halle präsentiert kontinuierlich Expositionen der wichtigsten Sammlungen/ Museumsbestände unseres Globus'. Aber mit der "Guggenheim" könnte man an den Triumph des MoMA-Gastspiels in Berlin (Museum of Modern Art, New York) anknüpfen, denn beide Collections haben eine ähnlich sagenhafte Aura in der öffentlichen Wahrnehmung. Durch das MoMA-Ereignis hat sich eine allgemeine heftige Neugier auf jene Besonderheiten aus der Neuen Welt Bahn gebrochen, die meist aus der Alten Welt stammen.

Solomon R. Guggenheims Familie machte mit Erzabbau ihr Geld. Als Hilla von Rebay den Magnaten (1861-1949) porträtierte, konnte sie ihn für die Avantgarde des 20. Jahrhunderts begeistern (ab 1929). Das erste Museum hieß sogar "Museum of Non-Objectiv Art", 1937; das Guggenheim-Museum von Frank Lloyd Wright wurde erst 1959 eingeweiht. Im Lauf der Zeit kamen weitere Sammlungen zur Foundation - auch die venezianische von Solomon-Nichte Peggy, sodass die Collection ein Panorama vom Impressionismus bis heute bieten kann. Damit der zeitgenössische Zug der "Guggenheim" nicht zu kurz kommt, durfte man damit 1500 Quadratmeter im benachbarten Kunstmuseum Bonn bespielen.

6000 Quadratmeter in der Bundeskunsthalle sind den übrigen kunsthistorischen Phasen vorbehalten. "The Guggenheim Collection" will nicht als Preziosen-Schau verstanden werden, sondern Sammler-Lust zeigen. Das ist den zwei deutschen Kuratoren, Susanne Kleine und Kay Heymer, sowie den beiden US-amerikanischen, Thomas Krens und Valerie Hillings, gelungen. Mehr noch, sie stacheln auch des Betrachters Lust an. Alles ist gut bis hervorragend präsentiert.

Der fantastische Höhepunkt des Rundgangs ist eine geradezu bühnentaugliche Inszenierung der angeblich so stillen Minimal Art. Wer sich mit ihr beschäftigt, weiß, dass sie ihre Zurückhaltung wirkmächtig auszuspielen vermag. Die raumgreifenden Arbeiten aus diesem Sammlungsschwerpunkt hat man in die zentrale Halle des Baus von Gustav Peichl platziert. Am schönsten ist der Anblick, wenn man sie von oben betritt - ein Ohhh-Erlebnis. Robert Morris' hoher, zylindrischer Pavillon, ein begehbares Labyrinth beschreibend, korrespondiert schön mit Peichls Rotunde-Schacht und spreizt sich spannend gegen das große Zickzack-Gestänge (Morris) und die feuerroten Würfel von Donald Judd oder den Triangel-Raum von Bruce Nauman.

Rundum anregende Ausstellung

Ruhezonen bilden Carl Andrés Metallbodenplatten und Richard Longs exakter Stein-Pfad. Den letzten Ewigkeits-Schliff gibt dem Ganzen noch Lawrence Weiners mächtige Wandinschrift: Asche zu Asche, Staub zu Staub, Erde zu Erde. Ein Raum-Gesamtkunstwerk - ruhig, doch mit klassischem Pathos.

Zuvor erlebt der Besucher nach einer sympathischen Verbeugung vor Hilla von Rebay und ihrem Freund Rudolf Bauer den Spiritus rector der "Guggenheim": Wassily Kandinsky. Eine kleine Werkschau ist es - vom frühen farbberauschten "Blauen Berg" bis zu späten Arbeiten, etwa den geometrisch säuberlich abgezirkelten Elementen auf hellgelbem Grund. Es ist ein Vorzug dieser Schau, dass man oft zu einer Künstlerpersönlichkeit einen informativen Überblick geboten bekommt - und manchmal auch echte Überraschungen. Wer vermutet schon hinter dem feurig wie Lava aus der Bläue hervorbrechenden Rotgelb ("Dünen auf Zeeland") den Geometriefanatiker Piet Mondrian.

Natürlich kommen in der Exposition auch die Impressionisten zum Zug, ein sonnenwarmes Venedig von Claude Monet etwa, der Kubismus und der farbsehnsüchtige Orphische Kubismus mit einem wundervollen Fiedler auf den Dächern von Marc Chagall. Da tanzt ein Zauber-Musikant im violetten Mantel, mit grünem Körper und orangefarbener Geige durch eine beige-graue Alltagswelt. So geht es weiter mit fast allen klingenden Namen inklusive Pablo Picasso. Durch Peggy Guggenheims Engagement ist der Surrealismus gut bestückt und die US-amerikanischen Maler der Nachkriegszeit, wobei Jackson Pollock ebenfalls aus einem anderen Blickwinkel als dem des Tropfen-Malers gesehen werden darf.

Nach der wunderbaren Beruhigung, ja Meditation mit den Minimalisten setzen Monsterformate der Pop Art von Andy Warhol, Roy Lichtenstein und James Rosenquist finale Knaller, bevor der Besucher - durchaus nicht ermüdet - die Kunsthalle in Richtung Kunstmuseum verlässt. Dort werden einige zeitgenössische Positionen vorgestellt. Zum einen durch hochgehandelte Künstler wie die Bildhauerin Rachel Whiteread und den schrillen Filmemacher Matthew Barney. Zum anderen durch (noch) nicht so Bekannte. Da darf Matthew Ritchie Wände, Boden, Fenster mit einer Mischung aus Lianen- und Seetang-Wellungen bedecken, die gleichfalls im Gemälde und holografischen Bild, ja als Tisch dahinfließen.

Der rundum anregenden Ausstellung in Bonn ist ein ebenso durchschlagender Erfolg zu wünschen wie dem MoMA-"Hype" in Berlin.

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