Auf zum letzten Gefecht

- Jetzt beginnt wieder das große Rätseln. Botho Strauß hat ein Stück geschrieben - "Die eine und die andere". Und wie immer bei ihm verbergen sich hinter der Oberfläche geistreich-leichter Unterhaltung die Tiefenschichten von Vergangenheitskritik und Zukunftsskepsis, gemischt mit christlichen Zeichen, antiker Symbolik, abendländischer Bildung. Nicht alles, das sei hier vorausgeschickt, muss sich dem Betrachter gleich erschließen, muss auf Anhieb entschlüsselt, nicht jedes Geheimnis sogleich gelüftet werden. Das Vergnügen des Zuschauens ist auch ohne dies gewiss. Und dass darüber hinaus Strauß sein Publikum mit einer Menge Fragen entlässt, die nicht platt beantwortbar sind, das ist nun einmal sein Gütesiegel.

"Die eine und die andere" - soeben in der Regie von Dieter Dorn am Münchner Residenztheater uraufgeführt - ist eine komische Tragödie. Ist die nüchterne, oft virtuos-satirische, dann wieder melancholisch-illusionsverlorene Abrechnung des 60-jährigen Dichters mit seiner Generation. Und die Bestandsaufnahme dessen, was jene Proklamateure der Selbstverwirklichung, die an der objektiven Wirklichkeit versagen, als Erbe hinterlassen: Kinder um die 30, die, auf der vergeblichen Suche nach Anerkennung und Liebe, nicht erwachsen werden können.<BR><BR>"Die eine und die andere" ist damit auch ein Stück über Deutschland nach der Wende, über geplatzte Hoffnungen, irrige Träume, versunkene Zukunft. Und es ist ein Stück des großen Frauenkenners Strauß über zwei alt gewordene Weiber, Zirkel-Königinnen von einst, die sich bei ihrer unvermuteten Wiederbegegnung noch einmal in Hochform bringen zum letzten Gefecht um einen Mann. Dass dabei immer auch die Realität des Theaters mitschwingt, dass Strauß auch die Geschichte zweier Schauspielerinnen erzählt - das macht den zusätzlichen Reiz des Stücks aus.<BR><BR>Und nun die Inszenierung. Dorn ist ein Spezialist für Strauß, ein grandioser Boulevardier mit intellektuellem Tiefgang. Wie immer bei diesem Regisseur und seinem kongenialen Ausstatter Jürgen Rose: Die Bühne in ihrer ganzen Weite einsehbar, hell, also kontrollierbar. Wechselnde Prospekte setzen die Ortsmarken: Berliner Straßenecke, schäbiges Landhaus, Oder-Auen, die Bäume kahl.<BR><BR>Davor das brillante Quartett der vier Hauptdarsteller. Zunächst die Alten. Eine weibliche Großmacht hoch zwei. Gisela Stein und Cornelia Froboess. Die Stein führt spielerisch vor, wie sie uns Lissie, diese arbeitslos gewordene Architekturkritikerin, malt. Elegant, angriffslustig, kokett, mit der Attitüde intellektuellen Hochmuts und aufgesetzter Jugendlichkeit als Schutzschild. Mit nur winzigen Akzenten bringt die Stein sie in die Nähe der Komischen Alten, um sofort darauf die Tragödie durchblitzen zu lassen. Hinreißend, wenn sie mit ihrem alten Fiesta vor der Pension vorfährt und ihr lang gezogenes "Stöööre ich?" rausschrillt. Genüsslich kostet Stein Strauß' Sprache aus. Wenn sie, die Sprachvirtuosin, nur das Wort "Münzwaschsalon" in den Raum stellt, bekommt man schon eine Ahnung von dem Mann, über den sie sich da lustig macht. Oder wenn sie zum Schluss "Trotzdem . . . Wie? Na, wer weiß" orakelt, bringt sie die gegen Ende ins Schlingern geratene Aufführung wieder auf die schöne Bahn der Komödie.<BR><BR>Nymphe, Narr und Held<P>Das ganze Gegenteil - Cornelia Froboess als Insa. Anders als die Stein schlüpft sie nicht ihre Rolle hinein, sondern umgekehrt, sie holt die Figur zu sich heran. So sehen wir die Froboess als die wir sie längst kennen - und staunen dennoch über ihre Kraft, ihren Witz, ihren Mut zu sich selbst. Auf ihrem Medizinball sitzt Insa wie auf einem Thron, der Seligkeit der jungen Jahre nachsinnend, den Schnulzen, dem Tanzen. Zu viel Weißwein, der sie vom Sockel der Erinnerung rutschen lässt auf den harten Boden ihrer 60-jährigen Tatsachen. Bei so viel Egozentrik bleibt nichts für die Tochter Elaine, keine Liebe, kein Gefühl für deren Seelenkrüppelei. Nur der harte Blick für ihr Versagen. Gespickt freilich mit sämtlichen Witzen, die sich aus allseits bekannten Mütter-Töchter-Beziehungen speisen. Da ist die Froboess in Hochform. Und das ist sie auch im Schlagabtausch mit der Stein. Eine Siegerin in diesem Match der Rivalinnen ist nicht auszumachen. Unentschieden auf höchstem Niveau.<BR><BR>Da befindet sich auch das hervorragend spielende Paar Juliane Köhler als Elaine - eine Mischung aus Blaustrumpf und Nymphe - sowie Jens Harzer als Timm zwischen Narr und Held. Zwei große, realitätsferne Unglückskinder, die vergeblich ihr Heil probieren in der Teilnahme an obskuren Kunstaktionen wie Abendmahl und Kreuzigung. In selbst zugefügten Verletzungen. In der Suche nach dem Vater, der sie verlassen hat. Oder in der körperlichen Ertüchtigung. Für Elaines Training zum 100-Meter-Sprint hat ihr Jürgen Rose eine über die ganze Bühne gezogene Aschenbahn geschaffen. Ein grandioses Bild. Und wenn Köhler an den Start geht: der einzige Moment des Abends, an dem die große Resi-Bühne wirklich optimal ist.<BR><BR>Ansonsten erweist sie sich in ihren riesigen, den Spielfluss verzögernden Ausmaßen eher als Nachteil. Dass die Spannung nicht durchgehend anhält, ist dennoch dem Regisseur zuzuschreiben. Wie wichtig die Besetzung auch der winzigsten Rollen mit guten Schauspielern gewesen wäre, zeigen die positiven Ausnahmen: Stefan Wilkening und, welch noble Geste, Thomas Holtzmann. Dass der Sachse Dorn schließlich die merkwürdige Campingplatzfigur (Burchard Dabinnus) in ein schlechtes Imitieren des Sächselns treibt, dass er dazu eine Art Schlusschor-Horde von ungefähr 40 Statisten die Pension stürmen lässt, ist so unkomisch wie überflüssig. Da haben Stein und Froboess Mühe, in ihrem Finale an zwei Frühstückstischen der Aufführung wieder ihren Rhythmus zu geben - und sie noch einmal hochzureißen. Viel Beifall für einen insgesamt wunderbaren Abend.<BR></P>

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