Im letzten Moment auf die Bremse getreten

- Einer der interessantesten Artikel im Programmheft dreht sich um die Münchner Regiehistorie. Wie sich hier, am heil'gen Uraufführungsort, "Die Meistersinger von Nürnberg" von Butzenscheiben-Opulenz übers Propaganda-Pathos bis zur Bierzelt-Sause wandelten. Everdings "Oans, zwoa, gsuffa" blieb über 20 Jahre lang im Repertoire, belächelt, geliebt, schließlich zur Tradition geadelt. Wie wohl einst das Nachfolgemodell eingeordnet wird? Als intimer Gegenentwurf? Als nie tümelnde, Richard Wagners "Festoper" auf ein kammerspielartiges Maß reduzierende Regie? Als Deutung, die neue Sichtweisen eröffnet?

<P>Thomas Langhoff, Regisseur der mit Spannung erwarteten Festspiel-Premiere, mag sich Letzteres vorgenommen haben. Doch dieses "Achtung, wir machen's modern" hat er seiner Arbeit recht aufdringlich als Hinweis umgehängt. Dabei tut die Vernüchterung im Grunde gut: Langhoff und Ausstatter Gottfried Pilz belassen alles in kühler, farbarmer, etwas ältlicher Einheitsästhetik. Für Kirche, Johannisnacht und Schusterstube bietet die Bühne mit ihren wenigen Raumelementen den adäquaten Schauplatz, weniger für die Festwiese, die die Musik fast einsperrt.<BR><BR>Die technische Revolution hat Nürnberg dabei längst im Griff. Langhoffs Meistersinger nutzen Handy, Laptop, auch, recht nervtötend, tragbare CD-Spieler als Lautenersatz. Eine neubürgerliche, bornierte Runde ist das, in Logen-Gewändern oder festlichem Cut. Doch mit der Verpflanzung ins Heute unterläuft Langhoff viel Unlogisches. Denn wie passt zu diesen aufgeklärten Zeitgenossen, die sogar ein schwules Meisterpaar dulden, dass sie auf antiquierte Kunst-Regeln pochen? Dass sie überdies den Uralt-Brauch gestatten, eines ihrer Mitglieder dürfe sein Töchterlein im Sanges-Grand-Prix verschachern? Wie passt zusammen, dass man sich, wie auf den Trikots von David & Co. prangt, "Nürnberger Poesie e.V." nennt, die doch so ernste Zunft damit zur netten Abendfreizeit verkleinert? Und: In welcher Beziehung stehen Langhoffs Sozialgruppen überhaupt zueinander - die Meister, Davids flotte Lehrbuben, die Rocker der Johannisnacht und der Schlägertrupp des Finales?<BR><BR>Nur eine Bebilderung</P><P>Nicht der Wille, Wagners Personal an uns heranzuzoomen, ist also Langhoffs Fehler - zumal er damit intime Momente schafft, klar erzählt und die Sänger ohne überflüssigen Zierrat ins Zentrum rückt. Viel problematischer ist, dass ihm dies nur als Bebilderung, als Abfolge kaum verknüpfter Modernismen gelingt.<BR><BR>Gut ist Langhoff immer dann, wenn er wie nebenbei Einfälle fallen lässt. Wenn etwa die Meister beim ersten Erscheinen mit kleinen Gesten und Macken plastisch charakterisiert werden. Auch wenn Sachs in einer dezenten erotischen Aufwallung seine Hand "absichtslos" auf Evas Oberschenkel legt. Oder wenn Stolzing am Ende nicht im Cut, sondern mit Cowboy-Stiefeln und Lederbinder als Held der Neuen Welt auftritt und so der US-Charme von Robert Dean Smith als amüsante Ausstattungsnote genutzt wird.<BR>Dass Langhoff, der im Unterschied zur Musik-Fraktion heftig ausgebuht wurde, um die Aktualität des Werks weiß, flackert auf. Aber der Abend wirkt so, als ob der Regisseur immer im letzten Moment auf die Bremse tritt. Die rechtsradikalen Schläger, die brennende Hausfassade - alles Andeutungen, brav und Festspiel-kompatibel, konsequenz- und leidenschaftslos. Und damit kaum von Belang.<BR><BR>Altes neu verpackt: Unterstrichen wird dieser Eindruck durch die Besetzung, die teilweise aus Everdings Version bekannt ist. Jan-Hendrik Rooterings Sachs ist eine monumentale Erscheinung, ein abgeklärter, ernüchterter Held, den nichts aus der Ruhe bringt, nur Stolzings Verweigerung der Meisterehre. Da bekommt dieser Sachs auf einmal drohende Präsenz, da findet auch Rootering zu einer Emotion und Energie, die er zuvor mit klug dosierter, aber auch monochromer, wie in Watte gepackter Vokalität vermissen ließ.<BR>Robert Dean Smith beweist, wie ideal ihm der Stolzing in der Stimme liegt. Wie er sich mit hellem, tadellos sitzendem und ungekünsteltem Tenor die gefährlichen Passagen nicht erobern muss, sondern an ihnen Freude hat - die Video-Projektion im Schlussakt macht es auch der Galerie klar. Smith zeigt das geschlossenste, überzeugendste Rollenporträt: kein Draufgänger, sondern ein freundlicher Sonderling, der Nürnbergs Schickis nicht durch Frechheiten, sondern durch herzerwärmende Stimmkunst herumkriegt.<BR><BR>Ohne Festwiesen-Tümelei</P><P>Eike Wilm Schulte, obgleich sehr prägnant und souverän deklamierend, blieb beim Beckmesser-Stereotyp, eine zum Überspielen neigende, gnomenhafte Figur - da waren andere "Meistersinger"-Produktionen der letzten Jahren schon weiter. Der famose Kevin Conners (David) tollte als sympathischer und spiellustiger Springball über die Bühne, deutete aber auch an, dass sein kraftvoller, facettenreicher Tenor zu Dramatischem drängt. Ebenso Michaela Kaune, als Eva eine angezickte höhere Tochter, die ihren Sopran fürs Quintett reduzierte, sonst mit silbrig lodernder Qualität aufhorchen ließ. Ausstrahlungsstark: Matti Salminens Pogner; Katharina Kammerloher als attraktive Magdalena wirkte luxuriös besetzt, ebenso Jan Buchwald als wohllautender Kothner.<BR><BR>Seitdem André´s Má´spero den Opernchor befehligt, hat dieser deutlich gewonnen. Der Klang ist profilierter, offensiver, erschöpft sich nicht mehr im phonstarken Dröhnen. Und auch bei darstellerischem Einsatz bleibt das Riesenensemble auf Kurs. Die große "Meistersinger"-Kompetenz des Staatsorchesters war in dieser Aufführung spürbar - wiewohl Zubin Mehta das Potenzial nicht ganz nutzte. Seltsam matt das Vorspiel, ebenso die humoristischen Passagen. Sicher, das Stück ist Wagners stilistisch kompliziertester Wurf. Und wo der Komponist "Tristan"-Nähe bietet, schien Mehta auch interessiert, die lyrische Fülle, das Schwärmerische dieser Partitur wurde hörbar, weniger der munter plappernde, ironisch funkelnde Konversationston.<BR><BR>Überraschend auch, dass sich Mehta auf der Festwiese eher zurückhielt. Was freilich an Langhoff liegen mochte, der machtvolle Tümelei - gottlob - mied, dafür Missglücktes lieferte: Volk und Meister drückten sich wie versehentlich ins Bild. Dass ein TV-Team alles festhielt, ist als abgenutzte Idee zu verschmerzen. Weniger der Einzug der Zünfte, die unter anderem einen Riesenschuh mit der Aufschrift "www.schuster.de" hereintrugen. Da hätte sich der Regisseur vorher besser an "infohumor.com" wenden sollen.</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Wiener Tatort-Star Adele Neuhauser: „Ich bin mir lange im Weg gestanden“
Die Wiener-Tatort-Kommissarin Adele Neuhauser erzählt im Interview von ihrer Autobiografie. Mutig aber nicht voyeuristisch - so sollte ihr Buch werden. Nun wird bereits …
Wiener Tatort-Star Adele Neuhauser: „Ich bin mir lange im Weg gestanden“
Konzertabbruch: So krank war der Jamiroquai-Sänger wirklich
Es war eine „Stimmbandentzündung mit Aphonie“ (Stimmverlust), die Sänger Jason „Jay“ Kay von Jamiroquai zum Abbruch des Konzerts am Donnerstagabend in der fast …
Konzertabbruch: So krank war der Jamiroquai-Sänger wirklich
Diane Kruger: „Dieser Film hat mein Leben verändert“
Es sei die intensivste Rolle ihrer bisherigen Karriere gewesen, sagt Diane Kruger. Belohnt wurde die 41-jährige Deutsche, die seit 25 Jahren in den USA lebt, in diesem …
Diane Kruger: „Dieser Film hat mein Leben verändert“
Neu ergänzt und wie neu gehört: Mozarts Requiem mit René Jacobs
Schon wieder ein Mozart-Requiem auf CD? Wenn man es so aufregend deutet und eine so überzeugende Neufassung bietet wie René Jacobs - unbedingt!
Neu ergänzt und wie neu gehört: Mozarts Requiem mit René Jacobs

Kommentare