Die letzten 24 Stunden des Lebens

"Tod eines Handlungsreisenden": - So mag das früher gewesen sein, wenn Vater Willy Loman von seiner Verkaufstour nach Hause kam: kuscheln mit Frau und Kindern auf dem Ehebett. Und träumen von einer rosigen Zukunft. Die Gegenwart sieht anders aus. Doch für einen Moment täuscht dieses Familienidyll noch einmal über die Realität hinweg. Und es keimt Hoffnung.

Wie auf einer Insel der Seligen liegen Willy und Linda nebeneinander auf ihrer mit hellbrauner Flokati-Decke scheußlich ausstaffierten Liege. Dazu gesellt sich Sohn Biff, der 34-jährige Nichtstuer. Sohn Happy, ebenfalls schon über 30 und auch kein Held, kauert sich ihnen zu Füßen. "Es wird alles gut", sagt Willy. Und träumt seinen amerikanischen Traum.

Ganz offen, wie von innen erleuchtet scheint da sein Gesicht, und sehr leise singt’s aus ihm das schöne alte Lied vom "Blue River". Ein Augenblick des Glücks, wenn auch nur eines verlogenen. Und ein Moment großer darstellerischer Kunst, schauspielerischer Wahrhaftigkeit.

Am Münchner Residenztheater hatte Tina Laniks Inszenierung "Tod eines Handlungsreisenden" von Arthur Miller (1949) Premiere. Mit Lambert Hamel in der Titelrolle.

Wie ein gemachter Mann betritt er die Bühne: heller Anzug, elegante Musterkoffer in den Händen. Aber er sagt: "Ich bin todmüde. Ich hab‘s nicht geschafft. Ich hab’s einfach nicht geschafft." Und von jetzt an sehen wir den letzten 24 Stunden im Leben eines Mannes zu, der noch einmal in den Rückblenden der Erinnerung durch alle Höhen und Tiefen geht, durch Demütigungen und Hoffnungen, durch Selbstbetrug und Enttäuschung.

Lambert Hamel ist - und das zeichnet ihn aus - nicht der Star des Abends. Er steht inmitten gleichberechtigt hervorragender Schauspieler. Keine Sekunde forcierter Eitelkeit, keine lauten Gesten, keine falschen Attitüden. Hamel nimmt sich so weit wie nötig zurück und findet gerade in dieser Demut zu einer Größe, die den Willy Loman über die soziale, kleinbürgerliche Tragik hinaus zu einer tragischen Figur antiken Ausmaßes werden lässt. Er schöpft bei dieser Rolle, die so überreich ist an charakterlichen Facetten, aus dem Vollen: seiner Erfahrung, seiner Lebenskenntnis, vielleicht auch seines Selbst. Das ist ja das Erfolgsgeheimnis dieser Figuren, dass jeder, ob er sie selbst spielt oder ihnen als Zuschauer begegnet, sie irgendwie auch auf sich und seine Welt zurückführen kann. Je besser die Schauspieler, umso mehr gelingt dies.

In Tina Laniks Inszenierung ist das jedem zu bescheinigen. Der großartigen Elisabeth Schwarz in der Rolle der Linda Loman. Eine unumschränkt liebende, ihren Mann vor dem Zynismus der Söhne schützende Ehefrau. Ohne, dass sie etwas "macht", ganz unspektakulär, ist die Schwarz eine Schauspielerin höchsten Ausdrucks. Nur einmal gestattet sie ihrer Linda eine kleine Koketterie: Da nimmt sie sich den Spiegel ihres eitlen Sohnes, fährt mit dem Lippenstift über ihren Mund und setzt sich ein ganz klein wenig herausfordernd aufs Bett. Ihr Mann aber kommt nicht. Er führt weit ab von ihr eines seiner unerklärlichen Selbstgespräche.

Sehr gut auch die Söhne: zwei verrückte, konträre Typen. Biff, der als Einziger die Lebenslüge des Vaters durchschaut, weil er ihn einmal in einem Hotel in Boston mit einer Frau überrascht hat, ist bei Oliver Nägele ein großes, spätes, dickes Kind, ein zynisches Sensibelchen. Happy, den zweiten Sohn, der aus Bequemlichkeit die Lebenslüge des Vaters mitlügt, spielt Marcus Calvin als albernes, unerwachsenes, in sich selbst verliebtes Kerlchen.

Eine Nummer für sich ist der fabelhafte Gerd Anthoff in zwei Rollen: als erfolg- und hilfreicher Freund Charly sowie - sehr komisch im glitzernen Cowboydress - als der reiche Onkel Ben mit Dschungel-Erfahrung: bei Anthoff der verkörperte, ironisch gebrochene Inbegriff von dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Tina Lanik hat die Geschichte gut und kompakt erzählt. Das Geschehen hat sie vor dem Hintergrund der kahlen, weißen Bühnenrückwand auf eine knallige Drehscheibe gesetzt. Die ist über und über vollgestellt mit Mobiliar aus den letzten 60 Jahren. Sie lässt das immer aktuelle Stück in der Gegenwart spielen; es gibt einen schicken Wasserspender und eine Videokamera; aber der alte Kühlschrank, die Hollywoodschaukel, die Radiotruhe oder die verschiedenen Modelle von Fernsehern markieren die simultanen Rückblenden in die Vergangenheit. Unterstrichen von geschickt eingefügten Videos.

Vom ästhetischen Standpunkt aus gesehen, ist die Bühne ziemlich scheußlich, einfach nur zugerümpelt. Aber sie macht eines deutlich: die klassische Einheit von Zeit und Raum. Denn das Drama, wenn es auch ein ganzes Leben umfasst, ereignet sich binnen 24 Stunden. Auf der Bühne sind das 120 starke Minuten: unsentimental und stellenweise auch von großer Komik.

Nächste Vorstellungen: 9., 14., 16. Mai

Die Besetzung

Regie: Tina Lanik.

Bühne: Magdalena Gut.

Kostüme: Su Sigmund.

Darsteller: Lambert Hamel (Willy Loman), Elisabeth Schwarz (Linda), Oliver Nägele (Biff), Marcus Calvin (Happy), Guido Lambrecht (Bernard; Howard Wagner), Gerd Anthoff (Charley; Onkel Ben)

Die Handlung

Handlungsreisender Willy Loman will nach 30 Jahren auf Tour und sinkenden Umsätzen nurmehr noch am Ort arbeiten. Doch er wird nicht mehr gebraucht. Der Juniorchef entlässt ihn. Von den erwachsenen Söhnen, gescheiterte Existenzen, ist keine Hilfe zu erwarten. Alle seine Illusionen erweisen sich als Irrtum. Der Ausweg: Selbstmord. Ein fingierter Autounfall soll die Familie aus der finanziellen Katastrophe retten.

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