Die letzten Tage der Heldin

- Ein bizarres Bild auf dem Münchner Marienplatz: In der hellen Vormittagssonne legen Fotografen auf eine zierliche junge Frau an, brünett und ein wenig blass, die geduldig an einem Torbogen des Rathauses lehnt. Touristen, die im Vorbeigehen aufmerksam geworden sind, schauen entsetzt ein zweites Mal hin. Aus dem Halbdunkel im Inneren beobachten zahlreiche Uniformierte das Treiben: ein Generalmajor der Wehrmacht, ein Gauleiter in brauner Paradeuniform, eine Gruppe von SS-Offizieren.

<P>Es ist gerade Drehpause und somit Zeit, der Presse Einblick zu gewähren in ein ambitioniertes Filmprojekt von Regisseur Marc Rothemund und Drehbuchautor Fred Breinersdorfer, in dem die junge Frau, Julia Jentsch, die Heldin spielt: "Sophie Scholl - die letzten Tage" ist der Arbeitstitel. Aus Scholls Sicht werden die Vernehmungen und der Prozess gegen die Mitglieder der "Weißen Rose" dargestellt.</P><P>Damit beginnt der Film, der im Frühjahr 2005 in die Kinos kommen soll, dort, wo Michael Verhoevens "Die weiße Rose" von 1982 aufhört _ bei der Verhaftung der Geschwister Scholl. Als segensreiche Quelle für die letzten fünf Tage der Widerständler gegen das Nazi-Regime erwiesen sich Stasi-Akten, die Anklageschriften, Vernehmungs- und Gerichtsprotokolle bargen.</P><P>Um aus dem Beamtendeutsch der "Täterprotokolle" einen Filmstoff zu machen, war Fred Breinersdorfer gefordert, der selbst ausgebildeter Jurist ist. Nach seinen Erkenntnissen haben die Scholls mit Nazi-Richter Roland Freisler eine regelrechte Positivismusdebatte geführt: "Damals galt die Vorstellung, dass das Gesetz etwas Ehernes ist. Wer es geschrieben hat, ist egal. Dem haben Scholls widersprochen." Für den Schauprozess sei Freisler gezwungen gewesen, die zuvor unter Verschluss gehaltenen Appelle der "Weißen Rose" an die Menschlichkeit öffentlich zu verlesen - dieser Umstand gestattet es Regisseur Rothemund, eine Art psychologischen Kampf zwischen den Angeklagten und ihrem Richter zu inszenieren.</P><P>"Ich träume manchmal davon"<BR>Julia Jentsch</P><P>Freilich interessiert vor allem die Gefühlswelt der Todgeweihten. Und so versucht der Film, die Lücken zwischen den überlieferten Fakten zu füllen. "Man darf so viel erfinden, wie es noch menschlich und wahrhaftig ist", sagt Rothemund.</P><P>Eine Herausforderung für die Schauspieler. "Es ist sehr schwer", bekennt Julia Jentsch. "Den Weg, den Sophie Scholl gegangen ist, ist man selbst nicht gegangen." Und Fabian Hinrichs, der Sophies Bruder Hans spielt, konkretisiert: "Man muss das Gefühl nachvollziehen, wenn irgendjemand kommt und sagt: ,Du stirbst jetzt." Dieses Gefühl raubt Julia Jentsch sogar den Schlaf: "Ich träume manchmal davon", gesteht sie.</P><P>Weil der Originalschauplatz im Justizpalast nicht mehr existiert, hat die Stadt den Kleinen Sitzungssaal im Rathaus für die Dreharbeiten zur Verfügung gestellt. Trotz des Lobes für das Projekt ist man dort allerdings auch froh, wenn man sich nicht mehr täglich vor Nazi-Komparsen erschreckt.</P>

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