Letzter Blick aufs Meer

- Es gibt Bücher, die sind deshalb so dünn, weil sie von Menschen handeln, die eine haltlose, unmögliche Geschichte miteinander verbindet. In diesem Fall ist es die Geschichte zwischen einer Mutter und ihren beiden Söhnen, die bereits auf der ersten Seite auf ihr schlimmes Scheitern zusteuert. Erzählt wird aus der Perspektive des Verlusts, die gerade noch ausreicht, die letzten Schauplätze dieser Liebesgeschichte zu beschreiben: den Nachtbus, das Hotelzimmer, das Meer, ein Café und den Rummelplatz der kleinen Stadt, eingekeilt zwischen Schnellstraße und Strand.

Eine Mutter und ihre Söhne auf tödlicher Reise <BR><BR>Danach beginnt einen Art kreisende Kamerabewegung, die den Blick auf die äußere Welt verwischt, alle festen Konturen auflöst, die Koordinaten durcheinander wirbelt und schließlich "im folgerichtigen Schmerz", im "weißen Licht" zum Stillstand kommt und den Punktstrahler auf eine leere Stelle richtet: auf die einer verlorenen Identität. <BR><BR>Ein Teil der Geschichte lässt sich fassen: Eine Mutter zählt das letzte Kleingeld in eine Teedose, nimmt ihre beiden Jungen bei der Hand, bricht auf zu einer Reise. Sie ist entschlossen. Sie möchte ihren Kindern das Meer zeigen. Man fragt sich: Durch wen oder was fühlt sich die Frau gedrängt, unter denkbar schlechten Bedingungen das gemeinsame Leben auf ein offenbar aufgespartes, entbehrtes Erlebnis zuzuspitzen? Die Antwort pulsiert zwischen den Zeilen. Man ahnt, die Geschichte wird enden in der entsetzlichen Wahrheit von Polizeiberichten. <BR><BR>"Meeresrand" spielt in Frankreich, in einem kleinen Badeort. Doch der tatsächliche Schauplatz liegt an den schäbigen, ausgefransten Rändern der Grande Nation. In den Fluren der Sozialämter. Den Wartezimmern der Psychologen. Den armseligen Apartments, wo es nach Gas riecht und nach Angst. Dort, wo das soziale Netz dicke Laufmaschen hat. Nach den letzten Seiten, auf denen die Anstrengung des Mordens den Körper der Mutter an die Grenze der Erschöpfung bringt, empfindet man eine paradoxe Erleichterung. Darüber, dass die Autorin nicht trennt in Gut und Böse, in Moral und Verbrechen. Die Frage der Schuld wird nicht gestellt, die Suche nach Gründen erst gar nicht aufgenommen. Der Ton ist lakonisch, die Sätze knapp, der Blick distanziert. <BR><BR>Und vielleicht liegt das Wunder dieses Berichts in der Unangemessenheit zwischen dem Schmerz der Protagonistin und der Form, die ihm Véronique Olmi gegeben hat. "Meeresrand" ist der erste Prosatext der französischen Theaterautorin. Wenn man ihn ausgelesen hat, ist man froh, das erschütternde Abenteuer der Lektüre heil überstanden zu haben. Und weil erschütternd ein noch viel zu vorsichtiges Wort ist, muss man am Ende dem Satz des Anfangs eine andere Wendung geben: Es gibt Bücher, die sind deshalb so dünn, weil die Geschichte, die sie erzählen dem Leser nur kurze Zeit zuzumuten ist. Doch diese kurze Zeit sollte man sich unbedingt nehmen. <BR><BR>Véronique Olmi: "Meeresrand". Aus dem Französischen von Renate Nentwig. Verlag Antje Kunstmann, München. 118 Seiten, 14,90 Euro. <BR>

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