Ein letzter Blick auf den Holocaust

- Imre Kertész ist endlich angekommen. Nicht in der Weltliteratur. Da ist er schon lange zu Hause. Sein Landsmann und Schriftsteller, der Ungar György Konrad, sagt, "es gibt Fälle, dass nur ein einziges Buch den Passeport in die Weltliteratur bedeutet." Und bei Kertész sei das der Fall, sein "Roman eines Schicksallosen" aus dem Jahr 1973 habe das Schicksal von Kertész geprägt. Nun hat es ihn sogar auf den literarischen Olymp geführt, ihm in diesem Jahr als erstem Ungarn den Nobelpreis für Literatur eingebracht.

<P>Nicht dass Kertész seit Jahren vergeblich nach Ruhm gestrebt hätte. Gerade erst am Mittwoch erhielt er vom Autorenkreis der Bundesrepublik den Hans-Sahl-Preis in Berlin. Dort genießt er seit zehn Tagen ein Stipendium am Wissenschaftskolleg, um an seinem neuen Roman mit dem Arbeitstitel "Liquidation" zu schreiben, und dort hat ihn die Nachricht aus Stockholm erreicht. <BR><BR>Jetzt, wo er um die Ehre und Anerkennung weiß, fühlt er sich angekommen auch in ganz existenzieller Weise: "Es bedeutet vielleicht auch, dass ich jetzt ein etwas ruhigeres Leben führen kann, jedenfalls finanziell. Ich bin jetzt in Sicherheit, jedenfalls in dieser Hinsicht." Denn, das hört man aus diesen Worten heraus, Schreiben war für Kertész in erster Linie eine Frage des ideellen, geistigen und moralischen Überlebens: "Die Jahre zwischen `49 und `53, das war ein vollständiger Terror mit Massenverhaftungen, Massenerschießungen, mit Scheinprozessen und täglicher Angst. Ich habe gehungert, ich habe gefroren und war doch ein lustiger junger Mensch. Die Erfahrungen von Auschwitz habe ich nach dem Krieg sofort verdrängt, doch mit dem Stalinismus sind sie wieder an die Oberfläche gekommen, quälend und unabweisbar. Damals habe ich mit dem Schreiben begonnen", so Kertész einmal. <BR><BR>Und er ließ sich Zeit damit, auch das ein Indiz, welche Bedeutung seine Literatur einnimmt. Der heute 72-Jährige begann seinen "Roman eines Schicksallosen" 1960 und stellte ihn erst 1973 fertig. 1975 erschienen, wurde das Buch in Ungarn zunächst totgeschwiegen, dann in einem etwas liberalen Klima 1985 wieder aufgelegt. Auf Deutsch erschien es 1989 in der DDR, doch verhinderte eine dürftige Übersetzung den Erfolg. Erst eine autorisierte Neuübertragung, 1996 bei Rowohlt, machte den Schriftsteller international bekannt."Bücher schreiben ist teuer!", kommentierte er die 13 Jahre Arbeit an seinem Buch. "Ein Autor setzt sein ganzes Leben auf sein Werk, da braucht er Leute, die verstehen, was ein Schriftsteller überhaupt ist." Aus diesem Grund wechselte Kertész vor etwa anderthalb Jahren zum Suhrkamp Verlag, wo gerade "Der Spurensucher" erschienen ist. <BR><BR>Kertesz` Verdienst ist, so nennt es die Schwedische Akademie der Wissenschaften, "ein Werk, das die zerbrechliche Erfahrung des Einzelnen gegenüber der barbarischen Willkür der Geschichte behauptet." Der Schriftsteller drückt es so aus: "Zum Prinzip Auschwitz gehört auch, dass alles vergessen wird. Das Individuum hat keine Kontinuität. Doch ein Individuum kann nur Individuum sein, wenn die Erinnerung bewahrt und rein bewahrt wird." Und dazu leistet "Der Roman eines Schicksallosen" einen enormen Beitrag. <BR><BR>Er basiert auf biografischen Fakten Kertész`: Als 15-Jähriger wird er aus seiner Heimatstadt Budapest nach Auschwitz deportiert und 1945 aus dem KZ Buchenwald befreit. Diesen Weg lässt der Erzähler auch seinen jungen Helden Köve gehen, dem es gelingt, in der Lagerwirklichkeit auch so etwas wie Glück zu erleben. Eine eigene Ästhetik wurde Kertész dafür attestiert, "die vor dem ,Ungeheuerlichen`, der ,Hölle` bestehen kann". <BR><BR>Während der fließend Deutsch sprechende Kertész sich seit 1953 zunächst mit Unterhaltungsstücken, dann mit hoch gelobten Übersetzungen deutscher Philosophen über Wasser hielt, wuchs sein nicht sehr umfangreiches Werk, das um den Holocaust kreist, allmählich heran: "Fiasko" (1988, dt. 1999) und "Kaddisch für ein ungeborenes Kind" (1992) ergänzten den Erstling zur "Trilogie der Schicksallosigkeit". Auf Deutsch erschienen außerdem "Galeerentagebuch" (1993), "Eine Geschichte, zwei Geschichten" (1994, zusammen mit Peter Esterházy), "Ich - ein anderer" (1998) und "Die englische Flagge" (1999). Mit seinem gerade entstehenden Roman plant der Nobelpreisträger, "einen letzten Blick auf den Holocaust zu werfen, auf die zweite Generation, die Nachgeborenen, die ratlos mit dem schweren Erbe ringen". <BR><BR>"Liquidation" hat die Wende des kommunistischen Ostblocks zum Thema. Auch in diesen Zusammenhang rückt er die gerade erhaltene Ehrung: "Es ist für mich sehr interessant, dass ich diesen Preis mit meiner Holocaust- und Anti-Diktatur-Literatur bekommen habe. Das bedeutet vielleicht auch etwas Erzieherisches für die osteuropäischen Staaten überhaupt." </P><P>Kommentar: Imre Kertész erhält den Literatur-Nobelpreis </P>

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