Letztes Duell auf dem Ölfeld

München - Ja, es ist ein schwieriger Film. Und ja: Man kann darüber diskutieren, ob "There Will Be Blood" die Zumutungen, die er dem Publikum aufbürdet, letztlich wert ist. Aber immerhin ist es ein Film, über den sich streiten lässt - und das macht ihn schon einmal sehenswert.

Das einstige Regie-Wunderkind Paul Thomas Anderson hat erstmals keine eigene Geschichte verfilmt, sondern den Roman "Öl!" für die Leinwand adaptiert, in dem der sozialistische US-Autor Upton Sinclair den Aufstieg der Öl-Aristokratie geschildert hat. Anderson hat Sinclairs politische Passagen gestrichen und sich manisch auf die Hauptfigur Daniel Plainview konzentriert.

Der ist eine Art Destillat aller amerikanischen Tugenden und Schwächen. Er ist tüchtig, pragmatisch, aber auch unberechenbar, risikofreudig bis zum Leichtsinn und von unerbittlicher Geltungssucht getrieben - er will nicht nur den Erfolg, er gönnt ihm auch niemand anderem. Daniel Day Lewis spielt diesen Plainview wie eine Naturgewalt, die alles niederwalzt, was sich dem eigenen Gewinnstreben entgegenstellt.

Ein platter antikapitalistischer Film hätte das werden können, aber Anderson vermeidet es geschickt, Partei zu nehmen. Er baut stattdessen als Gegenfigur den frommen Bauernbengel Eli (Paul Dano) auf, der sich von Gott berufen fühlt, eine eigene Kirche aufzubauen. Eli lebt ausgerechnet auf jenem Flecken Erde, unter dem Plainview ein gigantisches Ölfeld vermutet, und die Wege der beiden werden sich auf verhängnisvolle Weise kreuzen. In der letzten, grotesk tragikomischen Szene besiegen sie einander endgültig - die vielleicht merkwürdigste, aber auch nachhaltigste Stelle des Films, in der Daniel Day Lewis seine ohnehin fulminante Vorstellung noch einmal übertrifft.

"To top the bill" sagt man dazu im Englischen, und Lewis ist hier tatsächlich nahe dran, über die Stränge zu schlagen - aber er geht exakt bis an die Grenze des Machbaren und belässt es dabei. Ein grandioser Moment, nicht nur des Films, sondern des Kinos überhaupt.

Viel ist schon über die außerordentlichen Schauspielkünste von Lewis geschrieben worden - aber man muss einfach mit eigenen Augen sehen, mit welcher Maßlosigkeit sich Lewis seinen Charakter aneignet und damit den Film erst funktionieren lässt. Wäre die überlebensgroße Figur des Daniel Plainview unglaubwürdig oder - noch schlimmer - auf Effekt gespielt, wäre der Film ruiniert. Denn Regisseur Anderson baut völlig auf die Präsenz von Lewis. In der ersten Viertelstunde, einer Art Prolog, wird beispielsweise kein Wort gesprochen. Man sieht lediglich Lewis bei der Grubenarbeit zu und ist sofort gebannt. Fast unmerklich saugt einen Anderson in diese eigenwillige Reise durch das kalte Leben eines Egomanen, der aber nicht alleine sein kann und es am Ende doch bleibt.

Anderson, für seine rasante Regie berühmt, versucht sich mit einfachen Bildern und ausdrucksstarker, mitunter verstörender Musik an einem neuen, minimalistischen Stil. Nicht immer kann er damit überzeugen, aber ein intensives Kino-Erlebnis beschert er auf jeden Fall. Eine faszinierende Abhandlung über Schuld, Sühne und nicht zuletzt den Preis des Wohlstands. (In München: Mathäser, Leopold, City, Atlantis, Cinema OV.)

"There Will Be Blood"

mit Daniel Day Lewis

Regie: Paul Thomas Anderson

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