Leuchtender Pfad

- Dan Flavin (1933-1996), der Herr der Leuchtstoff-Röhren, ist kein Überwältiger, keiner, der Menschen mit Effekten optisch an die Wand knallt. Aber ein Raum haut einen doch um. Dessen Grün lockt und leuchtet von weitem, lange bevor man das fantastische Strahl-Objekt zu Gesicht bekommt. Das Kunst-Museum der Münchner Pinakothek der Moderne hat die Hälfte seiner Ausstellungsfläche, also fast die gesamte Kunst seit 1945, ausgeräumt.

Auf so viel Platz darf sich ab morgen die erste umfassende Œuvreschau des US-Amerikaners, die bereits durch die USA und Europa "tourte", ausdehnen.

Kunst aus Industrieware

Außerdem durchdringen seine 24 Arbeiten aus der Serie ",monument’ for V. Tatlin" das gesamte Gebäude: Treppenaufgang, der Längsflur von einem Ende der PDM zum anderen sowie die Bäuche des ersten Rotunden-Balkons sind von meist fünf bis acht rein weißen, vertikalen Leuchtröhren besetzt. Sie säumen als schöne, gebündelte, stets anders rhythmisierte "Lampen" den Pfad durch die Kunst. Nicht umsonst Tatlin gewidmet, einem russischen Konstruktivisten und Vater der Klassischen Moderne.

Diese größte Einzelausstellung seit Eröffnung der dritten Pinakothek 2001 putzt sie so richtig durch und frischt unseren Blick auf sie auf. Die Arbeiten dieses Großen der Nachkriegskunst passen exzellent zu der hellen, reduzierten Architektur des Museums, denn Flavins Schaffen ist klar, voller Leichtigkeit und im wörtlichen Sinne unbeschwert. Die verschiedenen Tatlin-Leuchtobjekte ergeben eine Allee aus Pendant-Stücken, Dialogpartnern und Individualisten. Und lenken den Besucher hin zum Rundgang durch Dan Flavins Kosmos.

Der begann in den 60er-Jahren mit den "Icons" aufzuleuchten, die übrigens seit damals nicht mehr zu sehen waren. Zunächst hatte die Glühbirne ihre Chance, strahlte auf einfarbigen Sperrholz-Kuben, denen Ecken abgesägt worden waren. Der Minimalismus war en vogue, aber Flavin suchte wohl nicht nur die Kühle, die Versenkung in die pure Form, die Ehrlichkeit ohne jegliches Bedeutungs-Pathos; er wollte auch Humor und öfters mal einen glamourösen Auftritt. Der Raum mit frühen Arbeiten von ihm zwischen Dada-Scherz und Pop Art, Gestisch-Expressivem, realistisch gezeichneten Porträts und akribischen Konzept-skizzen für die Leucht-Installationen versammelt alle Indizien für Dan Flavins absolut nicht nur minimalistischen Weg.

So scheinen selbst die weißen Röhren ­ stets industrielle Massenware ­ hinterrücks plötzlich rosa und verdämmern dann zu Mauve, um schließlich wieder zu unschuldigem Weiß zu erblassen. Die Soffitten tasten die Wande längs, diagonal oder vertikal ab, drücken sich in Zimmerecken oder verbinden die Wände über Eck. Sie pudern mit ihrem Farb-Schein die Weiße der Mauern bunt und tricksen schon mal den Betrachter aus. Was einem gelb und rot entgegenstrahlt, scheint nach hinten blau, grün oder lila ­ zu sehen nur durch den Reflex der Wand. Selbst die Glasscheiben der Kassettendecke der Pinakothek sind mit einem Mal so violett, dass man überlegt, ob sie vielleicht doch in dem Ton angestrichen wurden.

Mit dieser außerordentlichen Schau in der PDM, unterstützt von einem anonymen Mäzen und Philip Morris, wird einer der wichtigen Künstler des Hauses ausführlich geehrt. Durch die Galerie Heiner Friedrich war Flavin bereits in den 60ern in München präsent und weihte mit einem Riesen-Werk in den 90ern den Kunstbau des Lenbachhauses ein. Nun aber kann der Münchner sich den umfassenden Überblick veschaffen und sich faszinieren lassen z. B. von dem grünen "Zaun" aus sich versetzt aneinanderreihenden Fensterrahmen samt -sprossen. Jede einzelne Gerade ist leuchtend betont -­ insgesamt ein machtvolles Stakkato von Licht und Linien. Das "packt" den Saal und zwingt zu neuen Perspektiven.

23.11.- 4.3.07, Katalog: 39,80 Euro; Tel. 089/ 23 80 53 60; weiterführende Infos zum Thema

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