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Beobachtet von den Sponsoren: Orfeo (Furio Zanasi, Mi.) mit Maria de’ Medici (Sara Mingardo) und Heinrich IV. (Antonio Abete), die sich später in der Unterwelt zu Proserpina und Plutone verwandeln.

„L’Euridice“ bei den Innsbrucker Festwochen

Innsbruck - Die Innsbrucker Festwochen erinnern mit „L’Euridice“ von 1602 an das erste gedruckte Musiktheater überhaupt. Lesen Sie hier die Opernkritik.

Vom Hochzeitsglück erfüllt, dann Schlangenbiss, Gang zur Hölle, verbotener Blick zurück zur Gattin, neuerliche Trennung mit finaler Tränenorgie, das geht natürlich nicht. Wenn die Sponsoren heiraten, so kunstsinnig sie auch sein mögen, empfiehlt sich ein Happy End – und damit die Umdichtung von Ovids Mythos. Zum Plaisir der Florentinerin Maria de’ Medici und ihres französischen Gatten Heinrich IV. wurde Anfang des 17. Jahrhunderts die Geschichte von Orfeo und Euridice also verbogen und, was viel revolutionärer war, vertont.

Wer wann und wo für die Geburtsstunde der Oper verantwortlich war, das lässt sich nicht mehr so genau sagen. Giulio Caccini (1551-1618) gehörte jedenfalls zur Startriege. Zu jenen Meistern, die gesprochene Satzmelodie in Musik abbildeten und dies mit instrumentaler Begleitung ummalten. Caccinis „L’Euridice“, immerhin das sichert den Eintrag in die Annalen, war das erste gedruckte Musiktheater überhaupt. Festwochen der Alten Musik, das nehmen die Innsbrucker mit ihrer letzten Premiere also sehr wörtlich. Älter als die 1602 uraufgeführte „L’Euridice“ geht kaum – und besser, wie im Landestheater zu bestaunen, womöglich auch nicht.

Die Handlung

Die personifizierte Tragödie erklärt im Prolog, dass sie anlässlich der Hochzeit von König Heinrich von Frankreich und Maria de’ Medici auf ihr tragisches Wirken verzichtet. Orfeo und Euridice bereiten sich auf die Hochzeit vor. Euridice stirbt, Orfeo wird von Venere getröstet. Orfeo steigt in die Unterwelt, sein Plädoyer für die Liebe überzeugt Plutone und Proserpina. Die glückliche Zusammenführung von Orfeo und Euridice wird gefeiert.

Die Erklärung zur geschönten Geschichte liefern Caccini und Librettist Ottavio Rinuccini gleich im Prolog. Während die verkündet wird, sitzen die Adressaten im engen hohen Zimmer. Maria und Heinrich, zu barocken Karikaturen aufgedonnert. Stumm, später mit den Seitenwänden einfach aus dem Blick gefahren, bis sie im Höllenbild als Proserpina und Plutone in Gestalten riesiger berockter Singstatuen wiederkehren.

Auftraggeber und Handlungsfiguren, diese beiden Ebenen werden von Regisseur Hinrich Horstkotte also überblendet. Und man weiß gar nicht, was man mehr an dieser Aufführung preisen soll. Die uneitle Raffinesse, mit der das alles geschieht. Die spielerische Verbindung von Commedia, Harlekinade, Poesie und Tragik. Das Erspüren der „Temperatur“ von Caccinis Musik, die szenische Umsetzung in Zeitlupenbewegungen, die nie eins zu eins choreographiert sind. Oder den sparsamen Einsatz von Requisiten. Schneefall, Schmetterlinge, die an Stangen geführt werden, Kerzen auf Handtellern, Lichtspiele im Nebel – alles im Grunde nichts Neues, aber doch Zutaten für eine Publikumsverzauberung. Im Laufe der 90 Minuten wird das enge Zimmer, das im Raum zu schweben scheint, immer mehr reduziert, bis nur noch ein Rahmen übrig ist. Orfeo hat darin sein großes Unterweltsolo und später seinen Dankgesang. Große Grashalme wachsen anfangs darum, dann ist alles schwarz, am Ende rahmen Zypressen-Silhouetten den Hochzeitsjubel.

Besonders zu preisen ist aber die Behutsamkeit, mit der Dirigent Rinaldo Alessandrini vorgeht. Ganz so einfach mit der „gedruckten Oper“ ist die Sache nämlich nicht. Erhalten geblieben sind von Caccini nur Sing- und Generalbassstimme. Alessandrini und seine sieben Mitmusikanten vom Concerto Italiano füllen die weißen Stellen auf – mit einem bitterzarten, nie zu fülligen Spiel. Virtuosen der Nuance sind sie, vorsichtige Restauratoren. Musik wird nicht interpretiert, sondern wachgeküsst. Caccini bleibt dabei eigentümlich fern – und doch so unerhört neu. Eine schöne Revolution muss das damals gewesen sein, sanft und beglückend.

Die Besetzung

Dirigent: Rinaldo Alessandrini. Regie und Kostüme: Hinrich Horstkotte. Bühne: Nicolas Bovey. Darsteller: Silvia Frigato (Euridice, Tragedia), Furio Zanasi (Orfeo), Sara Mingardo (Dafne, Proserpina), Monica Piccinini (Venere), Antonio Abete (Plutone) und andere.

Dazu passt, dass in Innsbruck keine Vokalpotenz ausgestellt wird. Alle diese spielfreudigen Solisten, vor allem die in kleineren Rollen, gestalten immer entlang der Grenze, wo Sprechen und Gesang verschmelzen, wo Verzierung Ausdruck von Emotion, nicht von Eitelkeit ist. Silvia Frigato ist eine quecksilbrig helle Euridice, das reife Zärteln von Furio Zanasi (Orfeo) bildet dazu den Gegensatz. Barockstar Sara Mingardo (Proserpina, Dafne) ist mit ihrem Kassandra-Mezzo ein Ereignis, und Antonio Abete lässt seinen Pluto-Bass genauso schnarren und knarzen wie das begleitende Regal, ein altes Tasteninstrument.

Mögen sich ihre Gesangslinien noch so innig verschlingen: Was man sieht, stützt das kaum. Orfeo und Euridice bleiben in dieser Inszenierung letztlich getrennt. Er als der Künstler in Sängerpose, wirkungsvoll gerahmt, kühl und souverän. Sie als emphatische Frau, die ihre Begeisterung nur mit den Freunden auslebt. Ovid wird also bei Regisseur Horstkotte ein Stück Rechnung getragen – und der Historie auch: Maria bekam auf ihrer Hochzeit den Gatten gar nicht zu Gesicht. Eine hintergründige Pointe das alles.

Und eine grobe Fahrlässigkeit. Nur zwei Aufführungen waren in Innsbruck zu sehen. Einen Koproduzenten nennt das Programmheft nicht. Die Verantwortlichen für die europäischen Barocktheater von München über Paris bis Stockholm sind nun gefragt. Sie müssten sich um diese exemplarische Wiedergabe reißen.

Markus Thiel

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