Die Leute nicht vor den Kopf stoßen

Gärtnerplatz: - Seine Berufung ans Münchner Gärtnerplatztheater hat viele überrascht. Das Kunstministerium erhofft sich vom neuen Intendanten Ulrich Peters vor allem, die Auslastung des Hauses (rund 75 Prozent) zu steigern. Der 55-Jährige ist derzeit am Theater Augsburg, war vorher in Kaiserslautern und Karlsruhe. In seiner ersten Münchner Saison bietet er zwölf Premieren.

Was sollte man am Gärtnerplatz vermeiden?

Ulrich Peters: Man sollte die Zuschauer nicht düpieren. Die Erwartung des Gärtnerplatzbesuchers ist viel präziser als woanders, er ist sicher auch konservativer. Man darf die Leute nicht aus Jux und Dollerei vor den Kopf stoßen. Wenn was Ambitioniertes gemacht wird, sollte man sie an der Hand nehmen und hinführen.

Also eine konservativere Regie-Ästhetik.

Peters: Ja ­ soweit ein Theater konservativ sein will oder kann. Es wird keine Paraphrase über eine Oper geben, sie wird erzählt.

Kann es da nicht sein, dass Sie auf einem bestimmten Publikumszweig sitzenbleiben ­ und sich keine neuen Besucherschichten erschließen?

Peters: Die versuche ich mir übers Repertoire zu holen. Da werde ich Ungewöhnliches machen. Also zum Beispiel nicht den "Barbier", sondern ein anderes Rossini-Stück zeigen. Oder etwa französische Spieloper.

Manch einer fürchtet sich schon vor dem angeblichen Populisten Peters.

Peters: Ich mache Theater fürs Publikum, und das wird letztlich über Erfolg und Misserfolg entscheiden. Außerdem will ich ja nicht Ambitioniertes ausklammern. Die Schiene 20./21. Jahrhundert, die momentan am Haus läuft, finde ich schon sehr gut. Es wäre schön, wenn man die Moderne dem Publikum nahebringen könnte. Aber auch da suchen wir Werke, die dezidiert Geschichten erzählen.

Als Ihre Berufung bekannt wurde, hat man diese heftig kritisiert. Lässt der Schmerz schon nach?

Peters: Das hat mich ein bisschen enttäuscht. Weil ich gedacht habe: Warum ruft keiner an? Warum erkundigt sich keiner genauer nach mir? Juliane Votteler, meine Nachfolgerin in Augsburg, hat sofort ein paar Interviews bekommen. Das ganze Berufungsverfahren war außerdem nicht glücklich. Ich wusste es ja schon viel, viel länger, bevor ich‘s sagen durfte. Eine ganze Zeit musste ich mich bei Nachfragen rauslavieren.

Nun sind Sie auch einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Bereuen Sie manches, was Sie in dieser Phase nach der Berufung sagten?

Peters: Ich bereue die damalige erste Pressekonferenz. Ich hatte ganz andere Dinge vorbereitet. Und dann fiel mir ein Leserbrief in die Hände von jemandem, den ich kannte, der auch ziemlich gestänkert hat. Und das wurde wiederum in der Presse breitgetreten. Damals hatte ich mir schon überlegt, ob ich zurückziehe.

Und jetzt haben Sie also das berühmte dicke Fell.

Peters: Ich bin ja schon lange im Geschäft, da weiß ich viele Sachen einzuordnen. Nach meiner jüngsten Salzburger "Carmen" habe ich in einer Zeitung eine Kritik bekommen, da blieb kein Stein auf dem anderen. Nach dem Motto: So was Schlechtes hatten wir hier noch nie. Das prallt sicherlich nicht an mir ab.

Sie sprechen gern von "Synergien", pflegen also Wirtschaftsdeutsch ­ auf die Kulturszene wirkt das wie ein rotes Tuch.

Peters: So was ist zeitgemäß. Auf der einen Seite bin ich als Intendant natürlich eine Art Künstlervater. Auf der anderen Seite muss man auf der Klaviatur des Marketings spielen können.

Bleibt‘s beim hohen Premierenausstoß?

Peters: Ja. Weil man nur mit Premieren im Gespräch bleibt.

Mit Verdis "I Masnadieri", der Vertonung von Schillers "Räubern", bringen Sie nächste Saison eine Oper auf Italienisch. Rücken Sie vom Deutsch-Gebot ab?

Peters: Nicht grundsätzlich. Mozart oder Spielopern bleiben auf Deutsch. Aber wir haben schon darüber geredet, ob wir die aktuelle "Bohème" nicht künftig auf Italienisch bringen. Und ich sagte nein, weil man sich dann mit der Staatsoper doppeln würde. Zumal für die "Bohème" der Gärtnerplatz sowieso nicht die richtige Baustelle ist. Ebenso wie "Bajazzo" oder "Cavalleria". "Masnadieri" fällt einfach unter den Aspekt unbekanntes Werk eines großen Meisters.

Sie haben in München studiert. Ist das nun eine Art Heimkehr?

Peters: Würd‘ ich nicht so sehen. Gut, als ich an der Uni war, hatte ich immer den Wunsch, mal am Gärtnerplatz zu inszenieren . . .

 . . . und warum nicht ander Staatsoper?

Peters: Ich weiß auch als Regisseur genau, wo ich stehe. Ich mache das gern, pflege dadurch Kontakt zu den Künstlern. Aber ich gehöre eher an den Gärtnerplatz. Weil ich eben nie das Bedürfnis hatte, mich irgendwo hinauf zu inszenieren.

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