+
Kaum einen Blick schenkte Arthur Cohn in München dem Zettel mit den Stichworten seiner Rede.

Der Levitenleser

München - Erfolgsproduzent Arthur Cohn geht auf dem Münchner Filmfest mit der europäischen Kinobranche ins Gericht.

Wer gedacht hat, dass dieser Mann nach München gekommen ist, um verbale Streicheleinheiten zu verteilen, lag falsch: Arthur Cohn nutzte vor allem den ersten Teil seines Gala-Abends beim Filmfest, um der Branche die Meinung zu geigen. „Die Leute hier sind zu schnell zufrieden“, polterte der Schweizer Produzent, längst Kinolegende, von der Bühne im Gasteig. Zu schnell zufrieden etwa mit Drehbüchern – dabei seien die doch Basis eines erfolgreichen Films: „Ein gutes Drehbuch kann von einem mittelmäßigen, gar schlechten Regisseur nicht kaputt gemacht werden“, sagt Cohn. „Auch wenn es Leute gibt, die mich skurril oder bizarr finden: Aber kein Drehbuch meiner Filme war schneller als in zwei Jahren fertig.“ Viele Filmschaffende in Europa kämen gar nicht mehr auf die Idee, am Skript zu feilen, so das bittere Fazit. Die Folge dieser Schludrigkeit: „Vielleicht sind die Filme, die hier gemacht werden, wegen der Schauspieler oder der Thematik hierzulande akzeptiert. International sind sie es nicht.“ International seien Filme gefragt, die „zum Nachdenken anregen“.

Cohn spricht mit einnehmender Offenheit. Rücksichten muss er schließlich keine nehmen. Der 87-Jährige hat mehr als 25 Filme produziert, sechs davon wurden mit einem Oscar geadelt – dreimal gab’s den wichtigsten Filmpreis der Welt in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“, dreimal in jener für den besten nicht-englischsprachigen Film. Cohns traditionelles Dinner vor der jährlichen Oscar-Verleihung ist Pflichttermin für alle, die eine der maximal dreißig Einladungen erhalten. Edmund Stoiber, Bayerns ehemaliger Ministerpräsident, lobte in einer so kenntnisreichen wie selbstironischen Rede Cohn zudem als Produzenten, der gezeigt habe, dass „künstlerische Qualität und Erfolg keine Gegensätze sein müssen“.

Der Geehrte verriet in München noch ein weiteres Erfolgsrezept: „Ich bin immer darauf erpicht, Thematiken zu finden, die noch nie da waren.“ In Zeiten, in denen den Studios kaum mehr als Fortsetzungen einfallen, vielleicht der wichtigste Hinweis.

Michael Schleicher

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Landung im Comic-Welttheater
München - Der Münchner Theaterakademie glückt mit „Flight“ von Jonathan Dove eine erstaunliche Aufführung.
Landung im Comic-Welttheater
Kurt Cobain wäre heute 50: So war sein letztes Konzert in München
München - Heute wäre Kurt Cobain 50 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass erinnert sich ein Besucher an sein letztes Konzert mit Nirvana in München.
Kurt Cobain wäre heute 50: So war sein letztes Konzert in München
Energie! Skunk Anansie in der Muffathalle
Skunk Anansie leben von ihren Crossover-Hymnen des letzten Jahrtausend. Dennoch, die Band weiß ihr Publikum zu begeistern. Unsere Konzertkritik. 
Energie! Skunk Anansie in der Muffathalle
Wenn die Geister kommen
Toshiki Okadas Stück „Nō Theater“ wurde an den Münchner Kammerspielen unter seiner Regie uraufgeführt. Der japanische Dramatiker schult dabei die ästhetische Wahrnehmung …
Wenn die Geister kommen

Kommentare