Das Licht der Bienen

- Der Duft von Honigseim ist es, der einen als erstes umfängt. Dieses preziöse alte Wort aus gewichtigen Schriften passt zu der Retrospektive des Werks von Wolfgang Laib im Münchner Haus der Kunst. Der 1950 im württembergischen Metzingen geborene Künstler entführt ins Land, wo Milch und Honig fließen. Nicht nur im materiellen Sinn, sondern auch im übertragenen. Laib lässt Archaik erleben. Einfachheit verschwistert sich mit großer Symbolhaltigkeit.

<P>Kernpunkt ist das (Über-)Leben. Daher werden Nahrungsmittel und Behausungen, also alles, was die stets gefährdete menschliche Existenz ermöglicht und dauerhaft sichert, zu Zeichen, überhöht von religiöser Aura. Bei Wolfgang Laib: Stein, Blütenstaub, Reis, Milch, Bienenwachs und Metall. Dazu kommen die Grundformen Recht- und Dreieck sowie Kreis.</P><P></P><P>Wenn den Besucher beim Betreten der Laib-Ausstellung der Wachsgeruch zunächst schwach, dann betäubend in vergessene Regionen seines Seins entführt, dann passt das Bild des Schiffs bestens dazu. Eine Flotte von schlichten, hochwandigen Wachs-Kähnen - aufgebockt auf verwitterten Holzgerüsten - stößt aus der Seitenhalle in den Entree-Saal vor. In Richtung auf die Wachs-Häuser an der Mauer. Das Baumaterial der Bienen wurde zum sinnträchtigen Stoff: Mit ihm baut der Künstler Gebäude und Gefährte, die nicht Gebrauchsgegenstand sind, sondern Sinn-Bild. Zur monumentalen Geste schwingt er sich dabei mit seinen "Zikkurats" aus mächtigen Wachsblöcken auf. Diese an den Schmalseiten getreppten, über sechs Meter hohen Dreiecks-Körper sind von den mesopotamischen Stufentürmen (oben stand der Tempel) inspiriert. In der großen Halle des Hauses der Kunst wirken die diagonal und versetzt platzierten "Türme" grandios.</P><P>Begonnen hatte der studierte Mediziner Laib mit einer Stein-Arbeit (1972). Beeinflusst von der indischen Mythologie - er lebte länger in Südindien -, schlug der Student aus einem dunklen Findling "Brahmanda", eine ei-ähnliche Form, Ursprung eines Gottes. Diese Plastik ist nach 20 Jahren, im Verband mit ein paar kleinen Gefährten, nun wieder zu sehen. Mit Stein ging es weiter - und damit wurde der Deutsche international bekannt. Auch die Verbindung zur Fruchtbarkeit blieb. Aber der Künstler hielt sich nicht mehr an eine distanzierte Zeichenhaftigkeit, sondern brachte ganz konkret das Ur-Nahrungsmittel Milch zum Marmor. Fest und flüssig, hart und weich, weiß und weiß. Auf das weiße Steinquadrat träufelt Wolfgang Laib - Tag für Tag aufs Neue - die Milch. Eine Geste der fragilen Balance von Ritual und Natürlichkeit, von Trankopfer und Durstlöscher. Bei all dem verliert Laib nie die ästhetische Komponente aus dem Auge: etwa die Varianten von Weiß (auch beim Reiskorn) oder die Klarheit der Formen. Nur diese Beherrschung und Beherrschtheit schaffen Kunst - und eben keinen mit spirituellem Schwulst aufgemotzten Kitsch.</P><P>Deswegen entsprechen Laibs Werke aus Blütenstaub wohl am reinsten seiner Haltung. 1977 sammelte er den Blütenstaub des Löwenzahns erstmals. Danach dehnte er diese viel Geduld fordernde und naturnahe Materialbeschaffung auf Haselnusssträucher, Hahnentritt, Kiefern, Erlen oder Sauerampfer aus - und das Jahr für Jahr. Wolfgang Laib machte sich selbst zur Biene, setzte das Fortpflanzungsmittel der Flora und zugleich die Nahrung der Insekten als Natur-Pigment für die Kunst ein. Besonders der Gelb-Staub der Haselnuss strahlt und flimmert vor den Augen wie Licht, das in einem locker gesiebten Quadrat gefangen ist. Hier hebt sich die Materialität vollkommen auf. Nichts Festes registriert unser Gesichtssinn, der heftig nach einem Halt sucht, sondern Lichtwellen, die wie ein kaum erfassbares Mehr an Licht erscheinen. Greifbarer sind die anderen Blütenstäube, die zu kleinen Kegeln aufgehäuft sind. </P><P>Sie akzentuieren bisweilen Reihen von Reisschalen oder Reisränder um Marmor- oder Metallhäuschen. Diese Haus-Symbole verdichten sich schließlich im Bienenwachs. Handlich wie sie sind, erinnern sie an Schmuckkästchen, an Schreine für Opfergaben. Und das begehbare Wachshaus: In ihm löst der betörende Honigseim das Gefühl aus, ins Schatzhaus des Atreus zu treten, wie es sich vor Jahrtausenden den Heroen und Priestern darbot.</P><P>Zusammen mit den still nach ästhetischer Formulierung suchenden Zeichnungen und den mit genauem Auge erfassten Fotografien bietet die Laib-Retrospektive ein spannendes, weil extremes Kontrastprogramm zu Stephan von Huenes "Action" im Mitteltrakt des Hauses der Kunst.</P><P>SIMONE DATTENBERGER</P><P>Bis 19. Januar 2003, Tel. 089/ 211 27 115; Katalog, Verlag Hatje Cantz: 28 Euro.</P>

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