Das Licht bleibt an

Andreas Dresens beste Arbeit: Eine ganz normale Dreiecksgeschichte über Liebe im Alter.

Inge ist schon ziemlich lange mit Werner zusammen. Eines Tages begegnet sie Karl, ihre Augen treffen sich, und es ist Anziehung auf den ersten Blick. Sie haben wilden Sex in Karls Wohnung. Aber Inge will Werner nicht verlassen. Eine ganz normale Dreiecksgeschichte also. Es geht um Sex und Liebe, um den Kampf zwischen dem Wert der bürgerlichen Stabilität und der Energie einer Amour fou. Eine Komödie gelegentlich. Aber vor allem ein Drama.

Andreas Dresens Film "Wolke 9" erzählt auf eine Weise, wie es einem häufiger im französischen Kino begegnet: voller Beiläufigkeit, durchtränkt von leichter, sonniger Sommerstimmung, über Blicke und kurze Alltagsmomente. Es gibt Ausflüge an einen Badesee, zu einer Rennbahn, es gibt kurze heftige Regengüsse, die die Hitze abkühlen und, weil man sich beim Unterstellen zusammendrängelt, die Gefühle noch mehr anheizen. So weit, so bekannt und hundertmal gesehen, aber immer wieder gern. So weit, so schön.

Der kleine, aber entscheidende Zusatz zu dieser Geschichte über frisches Verliebtsein und das Glück der Verführung ist der, dass der Mann und die Frau, die im Zentrum stehen, 76 beziehungsweise 65 Jahre alt sind, und immer bleibt das Licht bei der Liebe an. Bemerkenswert ist, wie diese Tatsache die Wahrnehmung verändert: Befremden und ein Hauch von innerer Abwehr wechseln sich ab mit besonderer Faszination. Das Thema "Runzelsex" ist ja inzwischen auch in der Literatur und in Magazinen durchaus en vogue, und damit wird der Film am Ende modischer, als er vielleicht selbst sein möchte. Manchmal wirkt er ein bisschen so, als wolle sich hier jemand durch Mut und Provokation besonders interessant machen - was dem Regisseur nicht unterstellt werden soll; es geht nur um die Wirkung beim Ansehen.

Sehr klein und spießig ist die Welt, die Dresen zeigt - wie eigentlich immer in den Filmen dieses Regisseurs, der sich offen dazu bekennt, "an Durchschnittlichkeit" interessiert zu sein. Ein Kino, das überhöht oder "bigger than life" sein möchte, ist Dresens Sache nicht, aber auf sehr clevere Weise verdichtet natürlich auch er und zeigt Figuren, die nicht nur "sie selbst" sind, sondern auch repräsentativ für eine Zeit und eine soziale Lage.

In jedem Fall kommt "Wolke 9" ganz nah an das heran, was Dresen-Filme ausmacht: Es geht immer um das Zeigen des Alltags, des Normalfalls als Normalfall, und auch das Unnormale wird hier noch veralltäglicht. Bei Dresen-Filmen stellt sich allerdings immer wieder auch der Eindruck ein, dieses Beharren auf Normalität und Alltäglichkeit habe etwas Betontes, alles sei am Ende eben doch nicht so normal, gerade weil man offenbar insistieren muss. So kann es einem bei "Wolke 9" gehen: Latent im Raum steht hier von der ersten Sekunde an die Behauptung, über 60-jährige nackte Körper seien schön. Und wer Heidi Klum doch schöner findet, ist dann oberflächlich oder ein Opfer von Medienmanipulation.

Zugleich scheint Dresen am Ende seiner Story aber nicht ganz über den Weg zu trauen. Denn da wird die fremdgehende Ehefrau vom Film moralisch verurteilt: Ihr Mann, der zunächst mit einem "Du hast wohl nicht alle Tassen im Schrank" noch recht gelassen reagiert hatte, bringt sich nämlich nach 30 Ehejahren aus Kummer um.

Als Film ist "Wolke 9" vielleicht Dresens bisher beste Arbeit: sparsame Dialoge, eine diskrete, dabei direkte und neugierige Kamera, die immer noch etwas mehr zeigt und erzählt, als die Bilder sehen lassen. Inhaltlich hinterlässt dieser sehenswerte Film offene Fragen - und das ist ja einer der Gründe, warum man ins Kino geht. (In München: Münchner Freiheit, Atelier, Tivoli.)

"Wolke 9"

mit Ursula Werner, Horst Rehberg

Regie: Andreas Dresen

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