Das Licht der Demokratie

München - Beklemmender hätte die Situation zur Pressekonferenz vor der Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises in München gar nicht sein können. Postum wurde er an die Journalistin Anna Politkowskaja verliehen.

Letztes Wochenende hat die russischen Staatsmacht den ehemaligen Schachweltmeister Garri Kasparow und mehrere dutzende Oppositionspolitiker festgenommen. Von Demokratie, selbst im eingeschänktem Sinne, kann unter Präsident Putin nun nicht mehr gesprochen werden. Und genau das hat auch Anna Politkowskaja in ihrem "Russischen Tagebuch" (DuMont) niedergeschrieben, ja prophezeit. Freilich geht es darin um den Tschetschenien-Krieg, um die russische Armee und das Leid, das abertausende Menschen erlitten haben. Aber unterschwellig läuft da immer eine Stimmlage mit, bestimmt das Geschehen: Es ist die Wladimir Putins und die seiner Getreuen.

Kaum ein Jahr ist es her, dass Anna Politkowskaja in Moskau erschossen wurde. Beim Gespräch war die Frage bestimmend: Gibt es neue Erkenntnisse? Ilya Politkowsky, der Sohn der Journalistin (der gestern den Geschwister-Scholl-Preis in Empfang nahm), gab eine widersprüchliche Antwort: "Diejenigen, die verhaftet worden sind, stehen in Beziehung zum Verbrechen an meiner Mutter. Aber ihre Rolle bleibt unklar. Mehr können wir nicht sagen." Politkowsky freute sich aber, dass gerade das "Russische Tagebuch" ausgezeichnet wird. "Denn damit ehrt man auch ihren journalistisch-literarischen Stil."

In der Tat ist Anna Politkowskajas "Russisches Tagebuch" nicht bloß Aufzeichnung des Schrecklichen, sondern auch ein Aufruf, das Geschehene nicht zu verdrängen. Wolf Dieter Eggert, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern, erklärte, dass es dieses Jahr einige Bücher zur Auswahl gab, die den Geschwister-Scholl-Preis verdient hätten. "Unter den Jurymitgliedern gab es einen intensiven Dialog, und doch war es wie selten zuvor alsbald klar, dass Anna Politkowskaja auszuzeichnen sei."

Auch Yuri Safronow, stellvertretender Chefredakteur der "Novaya Gazeta", für die Politkowskaja hauptsächlich gearbeitet hat, wertete die Verleihung als Zeichen: "An der offiziellen Politik wird sich nichts ändern, aber wir in der Redaktion, Annas Freunde, Verwandte und sicher gut zwei Millionen Menschen in Russland wissen den Preis richtig einzuschätzen."

Dass die Stimmung trotzdem gedämpft war und manchmal ins ironisch-fatalistische Fach kippte, hängt mit der Situation in Russland zusammen. Auf die Frage, ob er nicht bei den Recherchen nach den Mördern seiner Mutter Angst habe, antwortete Ilya Politkowsky mit einem Lächeln: "Nein!" Allerding ergänzte später Yuri Safronow im Gespräch: "Wenn man auf der Liste steht, dann nützen einem auch Leibwächter nichts." Wozu also im Namen Politkowskajas weitermachen? Darauf allerdings gab Safronow eine klare Antwort: "Viele Menschen bei uns haben den Traum, dass in 30, 40 Jahren sich Russland an demokratischen Werten orientieren wird. Bis dahin wollen wir ein kleines Licht sein, das leuchtet."

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