Liebe bis zum Tod

- Sie ist eine herbe Schönheit. Kein Seelchen oder armes Hascherl. Selbstbewusst, romantisch gewiss, vielleicht auch schwärmerisch. Auf jeden Fall voller Gefühl. So lässt sich knapp die Schauspielerin Christine Schönfeld beschreiben. Das trifft aber auch zu auf Marie Beaumarchais, Goethes junge, leidende Heldin aus "Clavigo". Morgen hat das frühe Drama des späteren Geheimrats als Inszenierung des Bayerischen Staatsschauspiels im Theater im Haus der Kunst Premiere. Elmar Goerden inszeniert, Michael von Au spielt die Titelrolle. Und Marie, die diesen Clavigo liebt, obgleich er sie zweimal zu Gunsten der eigenen Karriere verlässt, hat Christine Schönfeld übernommen.

<P>Es dürfte spannend werden, auch für die Schauspieler. Denn es gibt, so die Schauspielerin, keine traditionelle Bühne. "Wir spielen auf einem Laufsteg, zu beiden Seiten sitzen die Zuschauer. Uns fehlt quasi die schützende Rückwand." Einsehbar also jederzeit und von allen Seiten. Macht es das nicht besonders schwer, Goethes 230 Jahre alte, unglückliche Marie für heute begreifbar zu machen?<BR><BR>Schönfeld: "Man muss sie aus ihrer Geschichte heraus verstehen. Als Kind ist sie, zusammen mit ihrer Schwester, aus der Familie herausgerissen worden und in ein fremdes Land gekommen. Es stellt sich die Frage: Was bedeutete das damals für die Mädchen, ohne Schutz und Hilfe fern von Zu Hause aufzuwachsen? Um das nachvollziehen zu können, belassen wir das Stück in der damaligen Zeit."<BR><BR>Liebe bis zum Tod: ist das noch aktuell? Christine Schönfeld bejaht das energisch: "Dieser Mann bedeutet Marie alles. Er verrät sie zweimal. Wenn sie dennoch sozusagen zu ihm hält, dann geschieht das nicht, weil sie so naiv oder dumm wäre, sondern aus einer großen Liebe heraus. Diese Schmerzen, die das bedeutet, dafür bringe ich mich ein. Was heißt es, an gebrochenem Herzen zu sterben? Ich denke, das kommt zu allen Zeiten vor. Heute würde man es nur anders benennen, ,schwere Depression vermutlich."<BR><BR>"Das Herz fängt an, sich selbstständig zu machen."<BR>Christine Schönfeld</P><P>Wenn sie sich auch aus ihrem Selbstverständnis und ihrer Vorstellungskraft heraus in die Goethe-Rolle hineinversetzen kann, hat Christine Schönfeld doch auch Hilfe gesucht bei modernen Autoren: "Ich habe viel Sarah Kane gelesen und Ingeborg Bachmann. Vor allem vor dem Durchlauf des ganzen Stücks deren Gedichte, um in diesen Schmerz reinzukommen." Welche Bedeutung hat dabei Maries Krankheit? Ist sie psychischer oder physischer Natur?<BR><BR>Schönfeld: "Das haben wir uns auch gefragt. Fest steht, dass zum Ende hin sich der Rhythmus der Sprache, ihr Atem verändern. Das Herz fängt an, sich selbstständig zu machen, und Marie kann nicht dagegen an."<BR><BR>Es sind diese geradezu überirdisch liebenden jungen Frauen, die es Christine Schönfeld angetan haben, zumindest soweit, als dass sie ihretwegen Schauspielerin werden wollte. Sie war 16 Jahre alt, als sie in Düsseldorf "Kabale und Liebe" auf der Bühne gesehen hat. Luise hat sie infiziert, und als sie in ihrem zweiten Engagement in Stuttgart war, durfte sie sie auch tatsächlich spielen. "Ein absoluter Herzenswunsch", der in Erfüllung gegangen war. Ein anderer, dessen Realisierung noch auf sich warten lässt, wäre die Elektra. Wo auch immer. Vielleicht in Bochum . . .<BR><BR>Dorthin nämlich wechselt Christine Schönfeld im Sommer 2005 ihr Engagement. Zusammen mit ihrem Mann, Regisseur Elmar Goerden, der dann dort als Intendant die Geschicke des Bochumer Schauspielhauses leiten wird. Sorge, nun vielleicht als "Frau Intendantin" geführt zu werden? "Davor habe ich wahnsinnige Angst. Es ist uns in Stuttgart und auch hier in München gut gelungen, das Berufliche und Private zu trennen. Ich hoffe, dass das in Bochum ebenso funktioniert. Die Entscheidung, nach nur drei Jahren München schon wieder zu verlassen, ist mir sehr schwer gefallen. Aber ich glaube, dass es auch wichtig für Elmar Goerden ist, dass ich mitgehe. Eine Beziehung im Theater aufrecht zu erhalten ist eh so schwer. Dass sie von Dauer ist, dafür will ich alles tun."<BR><BR><BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Bad Tölz feiert jetzt ein Jahr lang Thomas Mann
In Bad Tölz steht das „einzige echte Haus“ von Thomas Mann. Der Nobelpreisträger, der sehr gerne in der Kurstadt gelebt hat, wird jetzt ein Jahr lang gefeiert. Es gibt …
Bad Tölz feiert jetzt ein Jahr lang Thomas Mann
Reinhold Messner: “Südtirol ist ein Vorbild für Europa“
Reinhold Messner erklärt im Interview, warum Südtirol als Vorbild für Europa taugt. Und er spricht über sein neuestes Projekt: eine Himalaya-Hängebrücke.  
Reinhold Messner: “Südtirol ist ein Vorbild für Europa“
„Otello“ in Augsburg: Aus der Matratzengruft
Augsburg - Die Sanierung des Stammhauses zwingt das Ensemble des Augsburger Theaters gerade ins Exil. Für Verdis „Otello“ wanderte man in den „Kongress am Park“ aus. …
„Otello“ in Augsburg: Aus der Matratzengruft
Landung im Comic-Welttheater
München - Der Münchner Theaterakademie glückt mit „Flight“ von Jonathan Dove eine erstaunliche Aufführung.
Landung im Comic-Welttheater

Kommentare