Aus Liebe zum Öl

München - Das Münchner Auktionshaus Ketterer feiert 60. Geburtstag mit einem Aufgebot von Prachtstücken.

Wie wär’s mit einem echten Dürer für die eigenen vier Wände? Mit etwas Glück kann man schon für gut 800 Euro (Schätzpreis) einen ergattern. Kein Gemälde natürlich, aber einen wunderbaren Holzschnitt von 1498, auf dem die Marter der heiligen Katharina dargestellt ist. Wer sich dagegen lieber einen Georg Flegel (1566–1638) übers Sofa hängen möchte, muss deutlich tiefer in die Tasche greifen: Auf 90 000 bis 120 000 Euro wird sein „Stillleben mit Blumenstrauß und Glaspokalen“ geschätzt, das am 24. Mai beim Münchner Auktionshaus Ketterer an den Meistbietenden gehen soll. Ein würdiges Prachtstück für diese Jubiläums-Versteigerung von Werken Alter Meister, mit der Ketterer sein 60-jähriges Bestehen feiert.

Die Vorgeschichte beginnt sogar schon etwas früher. Denn angefangen hatte alles mit Roman Norbert Ketterer (1911–2002). Der Schwabe aus dem Schwarzwald leitete zwar eine Firma für Spezialöle, aber seine Liebe galt eher dem, was in die Rubrik „Öl auf Leinwand“ fällt, also der Kunst. Dass er ausgerechnet 1946, als die Menschen eher nach realer als nach geistiger Nahrung gierten, in Stuttgart sein „Kunstkabinett“ gründete, zeugt von einer gewissen Kühnheit – die sich aber auszahlte. Denn schon seine erste Auktion mit Werken des Impressionisten Max Slevogt war ein Erfolg. Ab 1947 arbeitete auch Roman Norberts jüngerer Bruder Wolfgang im Kunstkabinett Stuttgart mit, und 1954 war es dann so weit: Wolfgang Ketterer gründete seine eigene Galerie.

Im Jahr 1965 verlegte er sie allerdings von Stuttgart in die Kunstmetropole München – und hier an einen Ort, der beziehungsreicher kaum sein konnte: in die Villa des Künstlerfürsten Franz von Stuck, die damals noch nicht als Museum genutzt wurde. Das historische Jahr 1968 markiert schließlich (wenngleich in ganz anderer Hinsicht) auch für Wolfgang Ketterer einen entscheidenden Wendepunkt: Neben die bloße Galeristentätigkeit traten jetzt seine Aktivitäten als Auktionator, wobei er den Schwerpunkt beim Versteigerungsgeschäft auf Werke der Klassischen Moderne legte. Ab 1982 residierte das Auktionshaus Ketterer im Carolinenpalais in der Brienner Straße 25 – eine hochherrschaftliche Adresse, die dem Renommee und der Marktstellung entsprach, die das Familienunternehmen inzwischen erlangt hatte.

Gleichwohl entschloss sich Wolfgangs Sohn Robert Ketterer, seit 1994 Geschäftsführer der Firma, vor sechs Jahren ein neues, nach seinen Vorstellungen gebautes Gebäude nahe der Neuen Messe München zu beziehen, das in seinen räumlichen Dimensionen auch der Präsentation zeitgenössischer Kunst mit ihrer Liebe zum großen Format entgegenkommt. Und so ist „Ketterer Kunst“ seit 2008 im gläsern funkelnden „Haus für Kunst“ ansässig.

Natürlich machen sich dort auch Alte Meister gut. Zum Beispiel eine „Heilige Familie“, die durch ihr reizvolles Kolorit auffällt: ein Gemälde aus der Schule des Renaissance-Malers Sodoma (1477–1549), für das man ab 15 000 Euro mitsteigern darf. Dass es aber auch bei den Alten Meistern nicht immer nur ernst und heilig zugeht, zeigt ein Holzschnitt des altdeutschen Künstlers Hans Burgkmair (1471–1531), der aus unserer heutigen Sicht eher kurios wirkt: „Die Hottentotten“ lautet der historische Titel des Blattes, das mit einem Schätzpreis von 900 Euro an den Start geht und Ureinwohner exotischer Gegenden zeigt, wie man sie sich damals vorstellte, fast nackt, mit Speer, Schild und langen Haaren.

Friedlicher und politisch korrekter mutet dagegen ein Landschaftsgemälde (ca. 1670) aus dem Umkreis des berühmten holländischen Malers Jacob van Ruisdael an, das einen breiten, ruhigen Fluß mit baumbestandenen Ufern zeigt. Sowas hat natürlich seinen Preis: Ab 20 000 Euro aufwärts muss man dafür anlegen. Anschauen hingegen kann man dieses Bild und viele andere Werke Alter Meister jetzt kostenlos: Die Vorbesichtigung bei „Ketterer Kunst“ (Joseph-Wild-Straße 18) läuft noch bis zum kommenden Freitag.

Alexander Altmann

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