Liebe und Sex im Alter

Wolke 9: Filmregisseur Andreas Dresen über Tabus, Intimität und Improvisation.

Inge ist mit Werner verheiratet, als sie sich in Karl verliebt. Eine ganz normale Geschichte also, die der Berliner Regisseur Andreas Dresen da in seinem aktuellen Film "Wolke 9" erzählt. Und doch ganz ungewöhnlich, da es sich bei Inge, Werner und Karl um Menschen handelt, die man heutzutage nur noch in Werbespots für Treppenlifte sieht. Inge ist beinahe 70 Jahre alt, Karl ist es schon, und Werner geht bereits auf den 80. Geburtstag zu. "Wolke 9" läuft morgen nicht nur in unseren Kinos an, sondern wird auch bei den Filmfestspielen in Toronto gezeigt.

Wie kommt man auf die Idee, über alte Menschen einen Liebesfilm zu drehen?

Anfang der Neunziger habe ich den Dokumentarfilm eines Freundes aus Belgien gesehen. Er hatte ihn für Arte gedreht. Der Titel lautete "Die Männer meiner Oma". Darin hatte er seine damals 78-jährige Großmutter interviewt und zu den Männern in ihrem Leben befragt, zum Sex, den sie mit ihnen hatte, und auch zu ihrem gegenwärtigen Sexleben. Es war für mich verblüffend, wie diese Frau mit dem größten Humor und einer unglaublichen Offenheit über alles sprach.

Aber konkrete Pläne für einen Film gab es damals noch nicht?

Nein. Aber das Thema hat mich nicht mehr losgelassen. Ich fand, dass die Filme, die es gibt, nicht konsequent genug damit umgehen. Da wird zwar eine Geschichte über Liebe zwischen alten Leuten aufgetischt, aber die werden entweder skurril oder sentimental oder putzig dargestellt. Der eigentliche Akt und die faltigen Körper werden verschämt unter der Bettdecke versteckt. Das ist sehr fragwürdig. In einer Gesellschaft, in der die Menschen immer älter werden, müsste man doch schon längst offener darüber sprechen können. Abgesehen davon, ist es doch eigentlich eine frohe Botschaft.

In "Wolke 9" scheint es, als verhielten sich verliebte Achtzigjährige kaum anders als verliebte Teenager...

Die Erkenntnis, dass es eigentlich nie aufhört, empfinde ich als erleichternd, als beruhigend. Wie schön zu wissen, dass man das tolle Gefühl, wie ein Junge verknallt zu sein, auch noch mit 70 Jahren haben kann. Allerdings, und das ist eher hinderlich, unterscheiden sich die Argumente in den folgenden Streitgesprächen kaum von denen mancher Oberschüler.

Sie verlangen den Schauspielern viel ab. Wie lange mussten Sie nach den Darstellern suchen?

Meinem Produzent Peter Rommel und mir war bei der Entwicklung des Stoffes immer klar, dass alles an der einen Frage hing: Finden wir überhaupt jemanden, der mitspielt? Vier Leute habe ich gefragt, drei von ihnen sagten sofort zu. Ursula Werner, Horst Rehberg und Horst Westphal ist es zu verdanken, dass der Film so werden konnte, wie er ist. Sie waren von Beginn an entspannter als ihr Regisseur (lacht).

Wie liefen die Dreharbeiten mit den recht deutlichen Sexszenen ab?

Allgemein gesprochen sind Sexszenen immer eine schwierige Angelegenheit. Egal wie alt die Darsteller sind. Aber diesmal erforderte es noch mehr Überwindung, den Schauspielern zu sagen, was sie zu tun haben. Trotzdem war es eigentlich von Anfang an locker. Ich selbst war ziemlich aufgeregt, was die drei Schauspieler eher amüsiert hat. Die zogen sich schon bei den ersten Proben aus, als ob sie mir beweisen wollten, dass es keine Hemmschwelle mehr gäbe. Damit hatten wir es hinter uns gebracht und konnten uns endlich mit der exakten Charakterentwicklung der Figuren beschäftigen.

Man sieht jeden Pickel und Altersfleck, auch jede Falte und alle Furchen...

Genau so sollte es sein! Allen war von Anfang an klar, dass es keine verschämten Szenen mit Kuss, Schnitt und der Zigarette danach geben würde. Ähnlich wie in "Intimacy" von Patrice Chreau wollte ich mit der Kamera eine intime Nähe schaffen, der man sich nicht entziehen kann. Viel schwieriger für mich waren die Szenen, in denen es um eine psychische Nacktheit ging, in der die Verletzlichkeit der Menschen aufscheinen sollte.

Haben Sie viel improvisiert, oder stand das Drehbuch fest?

Wir haben nahezu alles über Improvisation entwickelt. Es gab gar kein komplett ausformuliertes Drehbuch. Die Dialoge sind meistens spontan aus den Szenen heraus entstanden. Natürlich haben wir am Drehort bestimmte Verabredungen getroffen, wie eine Szene abzulaufen hat. Auch die Biografien für die Figuren hatten wir zurechtgelegt. Dazu hatten alle ein paar Stichpunkte. Aber genau genommen haben wir uns erst am jeweiligen Drehort an die Situationen herangepirscht und ausprobiert, wie viele Worte überhaupt nötig sind. Ich habe vor Drehbeginn versucht, für die Protagonisten Charakterskizzen zu entwerfen. Das gibt einem ein ganz brauchbares Gerüst. Bei den Proben findet sich dann der Dialog.

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