In der Münchner Fußgänger-Unterwelt: Orpheus (Derek Rue) und Eurydike (Danae Kontora).

Kritik

Liebe und Tod am Altstadtring

München - Die Münchner Opera Incognita führt Christoph Willibald Glucks Werk „Orphée et Eurydice“ im MaximiliansForum auf. Die Kritik.

Orpheus, der mythische Sänger, trägt graue Mütze und schwarze Lederjacke. Er spielt die E-Gitarre, und seine Kumpels von der Band versuchen, ihn zu trösten. Denn hinter einer riesigen Glasscheibe dämmert seine geliebte Eurydike – von Ärzten umringt – dem Tod entgegen. Die jüngste Version des antiken Stoffes spielt in der Münchner Unterwelt: im MaximiliansForum, jener Unterführung Ecke Altstadtring/Maximilianstraße. Dorthin lockt die Opera Incognita alle Neugierigen, um mit ihnen Christoph Willibald Glucks 300. Geburtstag zu feiern. Natürlich mit einer Oper: „Orphée et Eurydice“.

Diese französische Fassung der Reformoper haben Ernst Bartmann als Dirigent sowie Arrangeur und Andreas Wiedermann als Regisseur zu einem 90-Minüter gestrafft, der auch in dem Ambiente – mit entsprechenden Geräuschen bestückt – von seiner Suggestionskraft zehren kann. Der Tod der Geliebten, die grenzenlose Trauer und Verzweiflung, der Mut, ihr in den Hades zu folgen, sie zu retten und der fatale Preis, sie auf dem Rückweg in die Welt nicht anzuschauen – das alles fasziniert seit Jahrhunderten in vielerlei musikalischer Gestalt und in ungezählten szenischen Varianten.

Andreas Wiedermann bleibt, unterstützt von der Kostümbildnerin Bianca Schmid-Hedwig, ganz im Heute und verzichtet dabei keineswegs aufs dazu gehörende Ballett (Choreografie: Ceren Oran). Zum singenden Paar gesellen sich tanzende Doubles, die zuweilen stimmig, manchmal irritierend (was soll das angedeutete Dreiecksverhältnis?) und bisweilen auch überflüssig agieren. Sie beleben den grauen Betonraum ebenso wie die Chorsänger, die in Alltagskleidern zur U-Bahn hetzen, für die komatöse Eurydike Kerzen, Bilder, Blumen und Kuscheltiere aufstellen, sich zur Chefvisite formieren oder sich in Motorradhelmen als Furien aus dem Unterwelt-Dampf schälen. Dies geschieht meist hinter einer trennenden, raumbreiten Glaswand, vor der die Protagonisten zum Rampensingen vergattert sind. Das bremst leider die Spiel-, Ausdrucks- und Aktionsmöglichkeiten, die überdies oft in gängiger Operngestik stecken bleiben.

Auch akustisch hat der Raum seine Tücken, zumal das Mini-Orchester hinter den Zuschauern positioniert ist. Bartmann lässt seine sieben Musiker zwar temperamentvoll zupacken, kann aber den einwandfreien Kontakt zum Chor und die rechte Intonation – auch bei seinen Streichern – in der Premiere nicht immer sichern. Von den drei jungen Protagonisten singt sich Danae Kontora als Eurydice im zarten, linearen Lobpreis auf die glückliche Totenwelt spontan in die Herzen der Zuhörer. Doch ihr Silbersopran hat auch die nötige Kraft für die folgenden, ergreifenden Verzweiflungsausbrüche. Derek Rue versteift seinen robusten Tenor auf ein Dauer-Forte und gönnt dem Orphée dadurch keine Nuancen in Ausdruck und Dynamik. Mit mehr Differenzierungsmöglichkeiten und rundem Mezzo-Klang wartet dagegen Vanessa Fasoli auf. Als Amour erscheint sie zunächst im weißen Kittel und greift zuletzt im Kapuzenhemd, die Bierdose in der Hand, zum Mikrofon: „If someone leaves…“ singt der Liebesgott zur E-Gitarre und kappt das Happy-End. Danach viel Applaus und Bravos und die Frage: Wohin treibt es die Opera Incognita im nächsten Sommer?

Gabriele Luster

Weitere Aufführungen

am 2., 3., 4., 6. September, 20 Uhr, MaximiliansForum. Karten: 0151/ 15 80 90 91.

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