Aus Liebe zu den Amazonas-Indianern

München - Zart bemalte Keramiktöpfe, geflochtene Pfeilköcher und Armschmuck aus Brüllaffenfell: Diese Ausstellung im Münchner Völkerkunde-Museum zeigt indianische Kunstwerke aus dem Amazonasgebiet. Zusammengetragen hat sie der Wissenschaftler Ernst Josef Fittkau (83).

Keine Frage: Er ist ein Sammler durch und durch. Schon als Bub hat Ernst Josef Fittkau die Äcker in seiner ostpreußischen Heimat durchstreift und Scherben, Steine und Ähnliches vom Boden geklaubt. Als Erwachsener war er dann oft im Amazonas-Gebiet und hat dort seine Liebe zu den Indianern entdeckt. Von dieser Leidenschaft zeugen zahlreiche Gegenstände aus dem Leben der Eingeborenen, die der Forscher gesammelt und mit nach Deutschland gebracht hat. Insgesamt 4099 Objekte aus seinem Privatbesitz hat der heute 83-Jährige jetzt dem Münchner Völkerkunde-Museum überlassen, das sie in einer Sonderausstellung noch bis zum 17. Oktober zeigt.

Es begann im Jahr 1960. Fittkau arbeitete damals als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Limnologie, also Gewässerökologie, im schleswig-holsteinischen Plön. Kurz nachdem er mit seiner frisch angetrauten Frau Elise aus den Flitterwochen zurückgekehrt war, wurde er gefragt, ob er für drei Jahre nach Brasilien gehen würde, um in Manaus die limnologische Abteilung des Amazonas-Forschungsinstituts zu leiten. „Möchtest du eine Zeitlang keine kalten Füße mehr haben?“, fragte Fittkau damals seine Frau. Sie mochte. Und so hielten sich beide von 1960 bis 1963 in Manaus auf, wo auch die ersten beiden ihrer fünf Kinder zur Welt kamen.

Die ersten indianischen Gegenstände im Besitz der Fittkaus gehen auf Elise Fittkau zurück - sie trug geflochtene Körbe der Ureinwohner zusammen. Gegen die Vorwürfe, bei der Sammlung der Fittkaus würde es sich unter anderem um Beutekunst handeln, wehrt sich der Wissenschaftler vehement: „Nicht einen einzigen Gegenstand habe ich ohne die Erlaubnis des entsprechenden Stammes mit nach Deutschland genommen“, sagte er kürzlich. Und: „So lang es Indianer gibt, wird gehandelt und getauscht.“

Einmal wurde Fittkau von einem Häuptling der Tiriyó aufgesucht, dessen Sohn schwer an einer Blutvergiftung erkrankt war. Der Wissenschaftler wusch den Kranken mit Kernseife und gab ihm Penicillinspritzen - der Sohn wurde wieder gesund. Der überglückliche Häuptling dankte Fittkau, indem er ihm sein Vermögen schenkte: seine Kleidung, seinen Stab und einen Bogen. Ein anderes Mal suchte ein junger Xingú den Forscher auf. Sein Vater habe Rheuma, sagte er. Ob er nicht bereit wäre, seine warme Hängematte einzutauschen? Fittkau willigte ein und bekam im Gegenzug einen seltenen Holz-Hocker, der mit zwei geschnitzten Geierköpfen verziert ist.

1965 kam dann Fittkau erneut nach Südamerika und baute eine Außenstelle des Max-Planck-Instituts auf. Später kehrte er einige Male für Forschungsreisen zurück. Er verbrachte viel Zeit bei den Indianern, lebte in ihren Dörfern. Fuhr schon einmal alleine in einem Boot 1000 Kilometer den Amazonas hinab. Immer dabei: Glasperlen, Zigaretten, Eisenmesserchen und Angelhaken. Denn die mochten die Indianer besonders und tauschten damit gerne. Heute wäre es gar nicht mehr möglich, die Gegenstände, die Fittkau damals gesammelt hat, nach Deutschland zu bringen. Das Schutzgesetz von 1976 macht dies unmöglich, deswegen stammen die meisten Artefakte aus der Zeit davor.

Lange Jahre hatte Ernst Josef Fittkau alle Sammelstücke in seinem Haus in Icking gelagert. Dorthin war er mit seiner Familie 1976 gezogen, als er die Stelle als Direktor der Zoologischen Staatssammlung in München angenommen hatte. Den Keller voller Körbe, Halterungen an der Wand mit unzähligen Pfeilen und Bogen bestückt, Schränke mit Ketten, Schmuck und Töpfen - bei den Fittkaus zu Hause sah es aus wie in einem Museum.

„Als die Kinder nach und nach ausgezogen sind, hat er die Sachen in ihren Zimmern gestapelt“, sagt Elke Bujok, Leiterin der Abteilung Lateinamerika im Völkerkundemuseum. Schon vor 15 Jahren war der Kontakt zu Fittkau entstanden, jetzt endlich wurde die Ausstellung eröffnet. Aber: Noch Hunderte von Gegenständen liegen in einem großen Zimmer im Museum und warten darauf, katalogisiert und beschriftet zu werden. Das nimmt das Völkerkundemuseum gerne in Kauf: „Diese Sammlung ist weltweit vermutlich die einzige ihrer Art“, sagt Bujok.

Bis zum 17. Oktober, Di. bis So., 9.30 bis 17.30 Uhr.

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