Die Liebe kam beim "Leopard"

- Beiderseits Münchens Theatermeile Maximilianstraße laufen die Premieren-Proben auf Hochtouren. Beim Bayerischen Staatsballett im Nationaltheater muss man sich zwar bis zum neuen Kyli|2an-Abend (4. 12.) noch etwas gedulden. Dafür gibt es bis dahin jede Menge spannender Debüts in "Schwanensee", "Onegin" und "Raymonda". Gleich in allen dreien debütieren die frisch engagierten Ersten Solisten Lucia Lacarra und (Lebens-)Partner Cyril Pierre. Wir sprachen mit der Spanierin Lacarra.

<P>Eine grazile Gerte. Von einem atemverschlagenden Körper-Charisma, wenn in einer ihr angemessenen künstlerischen Choreographie - wie man letzthin in der Roland-Petit-TV-Hommage feststellen konnte: Lacarra in Petits "Bolero"-Pas de deux. Als sie 1994 in seinem Ballet de Marseille engagiert wird (die langjährige erste Solistin Dominique Khalfouni hat gerade ihren Abschied genommen), findet Petit eine neue Muse und die 18-jährige ihren Mentor. "Roland Petit hat mir wirklich alles gegeben, was ich für diesen Beruf brauche", sagt sie mit ihrem direkten, kontaktbereiten grauen Blick unter den kurzen Ponyfransen.<BR><BR>"Ich habe in meinem Leben nie eine Frustration aufkommen lassen."<BR>Lucia Lacarra<BR> <BR>Aber auch ihr Start drei Jahre zuvor in der Madrider Compagnie des Spaniers Victor Ullate, prominenter Ex-Solist von Maurice Béjarts Ballet du 20e siècle, stand schon unter guten Vorzeichen. "Ich habe dort alles getanzt, Balanchine, Hans van Manen, Nils Christe. Aber es waren doch immer nur kürzere neoklassische Stücke. Nach drei Saisons wollte ich mehr, Ballette, wo ich Gefühle ausdrücken und gestalten konnte."<BR><BR>Bei Petit tanzt sie denn auch gleich die Esmeralda in "Notre-Dame-de-Paris", ihrem ersten abendfüllenden Handlungsballett. Es folgen "Carmen", "Ma Pavlova", "Les rendez-vous", "Coppélia". "Einmalig schön sind Petits Pas de deux", schwärmt sie und erläutert klug, was sie alles bei dem Meister gelernt hat: "Vertrauen zu mir selbst zu haben. Alles auf der Bühne zu zeigen, auch dann, wenn ich mich gar nicht bewege. Petit hat dieses große Talent für die Bühne, diesen ,Esprit du showbusiness"."<BR><BR>Bei Roland Petit beginnt auch die Partnerschaft mit Cyril Pierre. "Verliebt haben wir uns erst bei der Kreation von ,Le Guépard" (nach Viscontis Film ,Der Leopard", die Red.)", verrät Lacarra lachend. "Roland krittelte an uns herum, es sei irgendwie nicht leidenschaftlich genug . . ." Und indem sie sich bei den Pas de deux dann mächtig anstrengten, sei es passiert. Ihrem Partner folgt sie 1997 ans San Fransisco Ballet, just zwei Monate bevor Petit sein Ensemble der ehemaligen Pariser Etoile Marie-Claude Pietragalla übergibt. "Cyril wollte nach acht Jahren Petit wechseln, und wenn ich noch die großen Klassiker wie ,Schwanensee" oder ,Dornröschen" tanzen wollte, musste ich das auch."<BR><BR>Der Wechsel jetzt nach München kam nicht ganz unverhofft. Schon vor Jahren hatte Ballettchef Ivan Liska Interesse gezeigt. "Da hatte ich leider gerade meinen Vertrag mit San Fransisco unterschrieben. Aber schließlich wollten wir beide zurück nach Europa. Die ziemlich rigorose amerikanische Mentalität liegt uns nicht. Das San Fransisco Ballet ist eine riesige Compagnie. Wenn mal die neuen Schritte eines Stücks gelernt sind, ist man auf sich alleine gestellt. Da ist kein Coach, der einem noch weiterhilft. Und da ich letztes Jahr wieder einmal in Stuttgart in Marcia Haydées ,Dornröschen" Gast war, haben wir kurz in München vorbeigeschaut - vor allem, weil wir das sehr breit gefächerte Repertoire hier spannend finden."<BR><BR>Die dramatischen Rollen der Cranko-, der Neumeier-Ballette hätten noch in ihrer künstlerischen Laufbahn gefehlt. "Ich habe in meinem Leben nie eine Frustration aufkommen lassen, immer vorher schon eine positive Veränderung anvisiert", sagt sie in ihrer geraden Art. So muss es schon in der Kindheit gewesen sein. Denn mit 13 verlässt sie ihr kleines baskisches Dorf bei San Sebastian, um in Madrid Tanz zu studieren.<BR><BR>Ja, Baskisch sprechen könne sie, aber sie fühle sich als Spanierin. "So früh von zuhause weggegangen zu sein, erlaubt mir einen Blick von außen auf meine Heimat. Dass man in der Franco-Ära für eine kulturelle Unabhängigkeit gekämpft hat, kann ich verstehen. Jetzt aber ist der ETA-Terrorismus zum Selbstzweck geworden. Die Basken könnten doch wirtschaftlich ohne Spanien gar nicht existieren."<BR><BR>Wie die meisten Tänzer ist auch Lucia Lacarra polyglott. Neben ihrem fließenden Französisch, Italienisch und Englisch will sie "ganz schnell Deutsch lernen". Im Augenblick hat "Raymonda" Vorrang: "Für mich ist es eine Frau, die neben der sanften Liebe von Jean de Brienne plötzlich die Leidenschaft entdeckt. Und Ray Barras Schritte und Bewegungen, weniger streng als in der klassischen Version, lassen einem die Freiheit, diesen emanzipierten Frauencharakter ganz persönlich zu entfalten." Ihr Jean de Brienne ist Roman Lazik, Abderakhman Cyril Pierre.<BR></P><P>"Raymonda" mit Lucia Lacarra am 7. 10., Münchner Nationaltheater, Telefon 089/ 2185-1920.<BR></P>

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