Die Liebe und ihre zerstörerische Kraft

- Ein Herr, eine Dame, ein Dienstmädchen. Dies ist das Personal in Sándor Márais Roman "Wandlungen einer Ehe". Und wie bereits in seinen letzten, in den vergangenen Jahren postum veröffentlichten Werken dreht sich auch hier alles um den Glanz vergangener Zeiten, um bedingungslose Liebe, erkaltende Gefühle, Betrug und Sehnsucht.

<P>"Die wahre Liebe findet meist außerhalb der Ehe statt." Diesen Satz Theodor Fontanes hat der 1900 in der heutigen Slowakei geborene Márai bis zu seinem Freitod 1989 zum Prinzip seiner Romane gemacht, die allmählich wiederentdeckt werden. Doch in "Wandlungen einer Ehe" hat diese Liebe eine derart zerstörerische Kraft, dass sie das Leben aller drei Beteiligten für immer in ein Dahinvegetieren verwandelt. Eine Frau erinnert sich im ersten Drittel des Buches in Form eines Monologes an ihre gescheiterte Ehe. Sie versucht, einer Schulfreundin zu erklären, wie es zur Scheidung kam. Sie spricht von dem immer noch geliebten Ehemann, der ihre Gefühle stets nur freundlich zurückweist. Ohne jede Begründung. Bis sie ein violettes Seidenband in seiner Brieftasche findet.</P><P>In kunstvoll geschlungenen Variationen erzählt Márai die Geschichte der scheiternden Ehe noch zweimal: Das zweite Drittel gibt die Sicht des Ehemannes wieder. Der Ton ist nüchterner, weniger ich-bezogen - und die Berichterstattung reicht in den Bereich hinein, von dem die Ex-Frau keine Ahnung hat: das Scheitern der Liaison mit dem Zimmermädchen Judit. Die kommt im letzten Drittel zu Wort, wenn sie ihre Auffassung der Ereignisse ihrem neuen Liebhaber beichtet.</P><P>Die in den ersten beiden Teilen und auch in früheren Büchern Márais oft vermisste Beschreibung gesellschaftspolitischer Begebenheiten - das Ehedrama spielt in den 30er- und 40er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts - fließen hier ein. Judit berichtet über den Zweiten Weltkrieg in Budapest, über die deutsche Invasion und die Verschlechterung der Lebensbedingungen. Auch der Erzählstil ändert seine elegant fließende Richtung, wird ruppig, ungekünstelt. Das Personal spricht anders als die Herrschaft, und die Manierismen des Hausherrn weichen den knappen Sätzen der Dienstmagd.</P><P>Der Mann, die Ehefrau<BR>und das Dienstmädchen</P><P>Trotz allem ist die Handlungsebene des kunstvoll komponierten Romans dürftig. Es passiert nicht viel. Die Tragödie findet im Kopf des Lesers statt, denn die erzählenden Figuren beschränken sich gerne auf vage Andeutungen. Verglichen mit den früheren Romanen "Die Glut" und "Das Vermächtnis der Eszter" ist Márai seinem Thema, dem Werte-Verfall, und seinem Tonfall aus dem dekadent-großbürgerlichen Milieu treu geblieben.</P><P>Zugleich ist "Wandlungen einer Ehe" aber auch sein düsterstes, hoffnungslosestes Buch. Eine Ehefrau ohne Stolz, ein Mann mit Angst vor Gefühlen und ein Dienstmädchen ohne Moral - Márai zeigt hier eine melancholische Sicht der Nachkriegszeit. Die drei Monologe repräsentieren drei verschiedene Gesellschaftsklassen: reiche Oberschicht, Mittelstand mit Ambition nach oben und wirkliche Armut. Márai bringt die Blicke seiner Figuren auf die Welt in wunderbar geschliffener Prosa zu Papier - und zelebriert en passant einen zu Herzen gehenden Abgesang auf das alte Europa.</P><P>Sándor Márai: "Wandlungen einer Ehe". Piper Verlag, München. 461 Seiten, 19,90 Euro.<BR><BR></P>

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