Liebe zur Menschheit

- Der Transfer prozessualer Kunst in die Kabinette oder Hallen der Institutionen ist per se problematisch. Das, was der Besucher sieht, ist nicht das, was sich ereignet hat. Die Künstlergruppe Oda Projesi macht daraus kein Hehl. "The Room Revisited" ist die unprätentiöse Spurensicherung eines Projekts, das die drei Frauen aus Istanbul (Özge Acikkol, Günes Savas, Secil Yersel) auf Einladung der kunstprojekte-riem mit den Bewohnern der neuen Messestadt realisiert haben.

<P>Über einen Bildschirm im Kunstverein laufen Doku-Bilder von Menschen, für deren Zusammenleben das Kulturreferat einen Etat mit dem Titel "Kunst im öffentlichen Raum" freigegeben hat. Nach Anleitung treffen sich die Leute beim Einkaufen im Orient-Market, schneiden sich die Haare, schreiben auf eine lindwurmlange Papierrolle Botschaften aus einem Alltag am Rande der Stadt. Dort, wo die Grundstückspreise billiger, die Mieten niedriger, das Leben multikultureller und die sozialen Brennpunkte heißer sind.<BR><BR>Oda Projesi haben das Visions-Vokabular der Stadtplaner auf den Boden der Tatsachen geholt. Die Grenze zwischen engagierter Kunst und kunstsinniger Sozialarbeit verliert sich dabei im Ungefähren. Ein charmanter Genreschwindel oder scharfes Kalkül? Ob im Namen der Kunst oder aus Liebe zur Menschheit, ist am Ende wenig erheblich. </P><P>Erheblich ist, dass unter dem Glasdach des Galeria-Hauses dem Wort von der sozialen Utopie ein mikrokosmisches Wohnrecht eingeräumt wurde. Apropos Utopie. Eine ganz konkrete liegt auf der Garderobe des Kunstvereins zum Greifen nahe. Türkische Sitzmatten, die man sich ausleihen kann, um im Hofgarten sein handtuchgroßes, temporäres Terrain abzustecken. Vielleicht wechselt man ja ein paar Worte mit seinem Sitz-Nachbarn, der in diesen Wochen mutmaßlich kein Einheimischer ist. <BR><BR>Weniger empirisch, denn analytisch bis absurd sind die Raumskulpturen des jungen serbischen Künstlers Bojan Sarcevic. Seine Installation "Verticality Downwards" ist eine Maßarbeit für den Münchner Kunstverein. Wer bis dahin Vertikalität reflexhaft mit einer Aufwärtsbewegung verbunden hat, kann dieser Begriffs-Assoziation mit Blick auf die surreal anmutende Plexiglaskonstruktion zu einer neuen Richtung verhelfen.<BR></P><P>Bis 31.8., Tel. 089/ 22 11 52.<BR></P>

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