Die Liebe zu den Stofftieren

- Sein Debüt "Hampels Fluchten" war 2000 ein vieldiskutiertes Saisonereignis. Dieses Jahr hat Michael Kumpfmüller mit "Durst" seinen zweiten Roman vorgelegt. Und wiederum ist die Hauptfigur auf der Flucht. Aber anders als der deutsch-deutsche Hin-und-rüber- Hampel flieht hier eine Mutter vor der Verantwortung für ihre beiden kleinen Kinder - die sie eingesperrt in der Wohnung verdursten lässt. Eine Täterin. Vor allem aber eine Verliererin. Gegenfigur zum Überlebenskünstler Heinrich Hampel. Für den Autor eine neue Herausforderung - allerdings keine ganz leichte: Wie kriegt man eine solche Geschichte, einen Fall eigentlich für die Lokal-Seite und in Frankfurt an der Oder tatsächlich passiert, literarisch in den Griff?

<P>Das erste Kapitel beginnt mit "Mittwoch. - Eines Tages im Sommer um die Mittagszeit . . . wusch sich eine junge Frau über dem Waschbecken die Haare und dachte über ihr Leben nach.", und genau so protokollarisch, jeweils mit Angabe von Wochentag, Jahres- und Tageszeit, auch die folgenden zwölf. Connys Flucht-Etappen durch Einkaufszentren, zu ihrer Freundin, Baden am See, Beischlaftätigkeiten mit ihrem Liebhaber - in einem fast tranceartigen Verdrängungszustand 13 Tage lang ihre Wohnung meidend mit den drei- und vierjährigen Söhnen, deren Bilder manchmal lästig in ihr aufsteigen. </P><P>Ohne dass da viel Handlung wäre, erfährt man doch viel über diese Frau, erst Anfang 20 und von drei verschiedenen Männern schon drei Kinder, die kleine Tochter wird von ihren Eltern großgezogen. Mitteilungen direkt aus ihrem verworrenen Empfinden: ". . . wie Albert seine Hunde, werfe ich die Brut in den Fluss. Sie wusste, dass sie das nicht könnte. Vielleicht könnte sie es. Sie wüsste gar nicht, wen zuerst." Bewundernswert, wie diese knappe trockene Sprache eine psychologische Echtheit herstellt, in ihrer Durchgehaltenheit letztlich diese ganze deprimierende Lebensstimmung, aus der kein Ausweg möglich scheint - nicht für diese Conny. Ein Mädchen aus einfachen Verhältnissen, selbst noch Kind (wie ihre Söhne liebt sie noch Stofftiere), begierig jetzt nur in ihrem "Durst" nach Leben. Aber darin doch dumpf. In jeder Hinsicht ein ungebildeter, ungeformter Mensch, der, so hat wohl Michael Kumpfmüller befürchtet, nicht unbedingt das Leseinteresse wach halten würde.</P><P>In Hautnähe zur Protagonistin</P><P>Und so lässt er sich immer wieder von seinem auktorialen Ehrgeiz übermannen. Begibt sich aus der - sprachlich so exzellent erfassten - Hautnähe zu seiner Protagonistin heraus auf eine poetisch gehobene Ebene. Manchmal innerhalb eines Satzes: ". . . die Kinder: Hinten bei den Mülltonnen stritten sie um eine sinnlose Beute, mitten auf den versteppten Wiesen, über die gerade ein Wind zog, über die weite fahle Steppe, in die sie vor Jahren gefallen war." So metaphorisch redet, so denk-fühlt keine Conny. Und auch nicht von "Geräuschen der Seele wie unter Glas" oder von "Hinterlassenschaften der Körper". Dieses Schillern zwischen zwei Erzählstandpunkten - eine kleine Irritation, wenn auch eine nicht unspannende. Kumpfmüller ist schon ein Könner.</P><P>Michael Kumpfmüller: "Durst", Kiepenheuer & Witsch, Köln. 208 Seiten, 16, 90 Euro. Der Autor liest heute um 20 Uhr im Münchner Literaturhaus.</P>

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