Liebe zu Tolstoi

- "Ich hätte mich nicht in der Rolle der Virginia Woolf besetzt." - Nicole Kidman schien es wirklich ehrlich zu meinen, als sie mit diesem Satz gestern in Berlin die Weltpresse kurz ins Staunen versetzte.

<P>Denn in Stephen Daldrys abwechslungsreicher Verfilmung von Michael Cunninghams literarischem Vexierspiel "The Hours" ist der Weltstar aus Australien in der Rolle der britischen Schriftstellerin zu sehen - mit künstlichem Nasenhöcker nicht ganz so gut aussehend wie gewohnt. "In der Schule habe ich Virginia Woolf und ihre Bücher noch gehasst", berichtete die Schauspielerin zur Premiere des Films im Wettbewerb der Berlinale. "Es war alles soooo langweilig." Darum sei sie für diese Rolle nun besonders dankbar: "Sie kam zum richtigen Zeitpunkt, gab mir die Möglichkeit, diese merkwürdige Frau besser kennen zu lernen. Sie war intellektuell so stark und emotional so zerbrechlich."</P><P>Zugleich berichtete Kidman noch von anderen Literaturerfahrungen. Dass sie überhaupt Schauspielerin geworden ist, haben die Welt und ihre Fans gewissermaßen Leo Tolstoi zu verdanken: "Schon als junges Mädchen las ich ,Krieg und Frieden. Und weil ich unbedingt einmal die Natascha sein wollte, beschloss ich, Schauspielerin zu werden." Daneben brach die Künstlerin eine Lanze für die Literatur als solche und forderte, als wolle sie sich gleich für die Rolle der UNICEF-Bildungsbotschafterin bewerben: "Man sollte wieder mehr lesen! Ich kann mich richtig in Romanen verlieren, lese besonders gern die britischen Romantiker wie Byron und Shelley oder die Bronte-Schwestern."</P><P>Falls das alles nicht ganz wahr sein sollte, ist es zumindest gut erfunden. Viel Zeit für Lektüre kann die 35-jährige im letzten Jahr allerdings nicht gehabt haben, denn 2003 wird man sie gleich in drei weiteren Filmen sehen. Dass ihre Regisseure dabei Lars von Trier, Peter Benton und Anthony Minghella heißen, beweist vor allem eines: Nicole Kidman ist derzeit nicht nur einfach eine der gefragtesten Filmschauspielerinnen, sie kann es sich auch erlauben, nur mit wirklich guten Leuten zusammenzuarbeiten, nur die Rollen zu spielen, die ihren Ansprüchen genügen: "Filme sollten Magie und Illusionen erzeugen, und das auf geistreiche Weise."</P><P>Doch auch hier bewies Kidman schnell wieder, dass ihr Erfolgsgeheimnis vor allem in skeptisch-kühler Intelligenz besteht: "Ach, dieses ganze Gerede", stöhnte sie, heute gäbe es alle mögliche Rollen mit weibliche Hauptfiguren, Frauen dürften plötzlich auch dominant sein. . . "Meiner Meinung nach ist das allenfalls eine überfällige Gleichberechtigung. Und im nächsten Jahr kann es schon wieder ganz anders aussehen."</P>

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