Liebe in Zeiten des Krieges

Salzburg - Liebe ist Krieg. Davon ist Christof Loy im Falle von Joseph Haydns "Armida", die am Samstagabend als erste Oper der Salzburger Festspiele in der Felsenreitschule Premiere hatte, überzeugt. Doch der feinnervige Regisseur trägt den Geschlechterkampf nicht, wie vielleicht nach seiner Hamburg-Münchner "Alcina" erwartet, als Strindberg'sches Kammerspiel aus, sondern stürzt seine Sänger in eine physische Auseinandersetzung, die weh tut. Ihnen und dem Publikum, sofern es sich diesem verstörenden, von der Weite der Bühne spannungsvoll zerrissenen Geschehen ausliefert.

Loy hat kein Interesse an dem Zauberkram des Kreuzritter-Dramas, das auf Torquato Tassos "La Gerusalemme liberata ovvero il Goffredo" basiert. Während Haydn sich in seinem 1784 auf Schloß Eszterháza uraufgeführten "Dramma eroico" ganz auf die tragische Liebesgeschichte von Armida und Rinaldo konzentriert, öffnet Loy dem Krieg die Bühne: Da tobt mehrfach das Heer der Kreuzritter (ein Bewegungschor mit blauen Shirts) herein, stürmt die steile Rampe und trifft im 3. Akt auf die morgenländischen Kämpfer ­ Mann gegen Mann. So zeigt der Regisseur szenisch, was bei Haydn in martialischen Märschen nur akustisch rasselt. Als gelungene Verfremdung schon in der Ouvertüre wird die Marschmusik vom Liveklang des Orchesters abgekoppelt. Von einem hohen Lautsprechermast scheppert sie propagandistisch herunter auf die von Dirk Becker mit massiven Holzgebilden ausgestattete Bühne.

So wie Loy den äußeren Kampf der Kulturen (dessen aktuelle Variante er gottlob ausspart) mit aller Vehemenz auf die Szene fegen lässt, so drastisch formuliert er die individuelle Variante. Idreno, der Sarazenenkönig, packt, seiner brachialen, verlogenen Art folgend, alles mit Gewalt: Die Mädchen ebenso wie den zum Friedensangebot auftretenden Clotarco, den er übel zusammenschlägt. Nicht nur da überschreitet der Regisseur die Schamgrenzen der Oper und fordert seinen Protagonisten eine physische Präsenz ab, die vermutlich nicht ohne blaue Flecken zu haben ist.

Auch Armidas und Rinaldos liebende Selbstaufgabe gipfelt in einem wilden Knutschen, das mit harmlosen Opern-Küsschen nichts mehr gemein hat. Hier wird bar bezahlt. Auch dann, wenn Armida singend die ganze Bühnenbreite entlang hetzen muss, wenn die Umarmung des Paares zum handgreiflichen Clinch verkommt, weil Rinaldo vom alten Rollstuhl-Veteran Ubaldo ins Heer zurückgeholt werden soll. Und erst recht, nachdem Rinaldo sich zur Rückkehr durchgerungen hat und Armida ihm wütend ihr "Barbaro!" hinterher fetzt.

Annette Dasch schleudert "Odio, furor, dispetto" (Hass, Zorn, Abscheu) aus Seele und Kehle und stürzt sich in wilder Verzweiflung die Schräge hinunter. Ein gefährliches Manöver, dem die Sängerin sich und ihre Stimme kühn ausliefert ­ und siegt: Ihr apart herber, rundum tragfähiger, in den Koloraturen gefährlich blitzender Sopran charakterisiert die Armida in den aufgewühlten Rezitativen wie in den Arien-Eruptionen glänzend.

Dagegen schattiert Michael Schade den zweifelnd-schwankenden Rinaldo, der seine heroische Kriegs-Arie ­ dramaturgisch unklug ­ gleich zu Beginn abfeuern muss, hernach in intensiven Piano-Nuancen und wohlklingendem Mezzavoce ab. Auch darstellerisch ist er präsent, riskiert einen offenbar kriegsüberdrüssigen Ritter, der auf dem Sofa neben der Stehlampe träumt. Derweil öffnet sich hinter den Felsenreitschul-Arkaden der Himmel. Rinaldo packt zwar die Axt und nähert sich damit einem massiven baumhohen Holzblock, auf den er zuvor wie von Zauberhand Armidas Körperumriss gezeichnet hat, doch er fällt die Myrte nicht. Vielmehr drückt Loy ihm einen Benzinkanister in die Hand. Der Ritter begießt sich und sein Umfeld, zückt sein Feuerzeug ­ und zündet nicht. Keine totale Zerstörung also. Nur immerwährender Krieg? Für den zum Schluss auch Armida die reizvollen Roben abgelegt und den Kampf-Dress angezogen hat.

Während Haydn die sechs Personen seiner dramatisch durchglühten Opera seria im Finale zum klangschönen Sextett vereint, stellt Loy sie als "Einzelkämpfer" an die Rampe. Zerbrochen ist auch die zarte Liebe zwischen Zelmira und Clotarco, der Mojca Erdmann mit umwerfender, silbriger Sopran-Attacke Flügel verleiht und Bernard Richter sympathische Natur-Töne beimischt. Als kriegerische Rivalen überleben auch Ubaldo und Idreno. Während Richard Croft den hochdekorierten Haudegen mit markant männlichem Tenor zeichnet, schwärzt Vito Priante den verlogenen, aalglatten Brutalo mit markigem Bass ein.

Diesem vorzüglich zueinander gefügten, festspieltauglichen "Sechser-Pack" bereiten Ivor Bolton und das Mozarteum Orchester eine sichere Grundlage. Zielorientiert, aber ohne Hektik schürt Bolton Haydns dramatisch aufgewühlte Accompagnati, die Entladungen in den Arien und leuchtet die Partitur, wenn nötig, herb bis rau aus. Inspiriert tupft er zarte Non-Legati ein und entwirft im Zauberwald eine wundersam tönende, heile Gegenwelt, in der die Natürlichkeit und Heiterkeit der "Schöpfung" sich bereits ankündigen. All die divergierenden Gefühle der Liebe, des Zweifels, des Hasses setzte Bolton plastisch frei und wurde dafür mit seinem Orchester heftig gefeiert. Ungebremste Begeisterung umfing auch die Sänger, während sich in den Applaus fürs Regieteam ein paar Buhs einschlichen.

Die Handlung

Die Zauberin Armida sollte die Kreuzritter von der Eroberung Jerusalems abhalten. Doch sie verliebte sich in Ritter Rinaldo, der die Seiten gewechselt hat und für die Heiden in den Kampf ziehen will. Idreno verspricht ihm dafür Armida und sein Reich. Die Ritter-Freunde Ubaldo und Clotarco wollen Rinaldo befreien. Clotarco lässt sich von Zelmira bezirzen, und Ubaldo versucht, Rinaldo an seine Pflicht zu erinnern. Nach langem Schwanken kehrt er ins fränkische Lager zurück. In Armidas Zauberwald versucht er, die Myrte zu fällen, um allen Zauber zu lösen, da tritt ihm Armida entgegen und fleht um Liebe. Er stößt sie zurück. Vor dem Kampf gegen die Heiden erscheint sie noch einmal und schwört schreckliche Rache. Er verspricht, nach getaner Pflicht zurückzukehren.

Weitere Vorstellungen:

2., 4., 7., 11., 15., 18.8., Karten: 0043/ 662/ 8045-600.

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