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Wolf Haas.

Liebe in Zeiten der Seuchen

München - Eine intellektuelle Spielerei und ein berührendes Buch: „Verteidigung der Missionarsstellung“ von Wolf Haas

Immer wenn sich Benjamin Lee Baumgartner verliebt, bricht eine Lebensmittelseuche aus. Oder entstehen Pandemien wie BSE, Vogelgrippe oder EHEC überhaupt erst, weil sich Baumgartner verliebt? Wolf Haas’ neuer Roman „Verteidigung der Missionarsstellung“ ist nicht nur ein skurriles und sehr amüsantes Buch über den gehirntötenden Rausch des Verliebtseins, sondern auch ein spielerischer und zugleich höchst komplexer Text über die Sprache und das Schreiben an sich.

Der Roman setzt im Jahr 1988 ein. Benjamin Lee Baumgartner, Halbindianer aus dem niederbayerischen Simbach am Inn, ist auf Interrailtour durch England. Am Londoner Greenwich Market verliebt sich der 23-Jährige zum ersten Mal in seinem Leben – in eine Burgerverkäuferin. Der Sprachen- und Akzentfetischist ist besonders von der Ü-Schwäche der aus Südamerika stammenden Germanistikstudentin angetan. Ungeachtet der um sich greifenden „Kuheseuche“ erwirbt er einen Rinderburger, um mit der jungen Frau ins Gespräch zu kommen. Chronist dieser Begebenheit wird der Zimmernachbar aus Baumgartners Salzburger Studentenbude, ein Linguistikstudent namens Haas, nicht – oder vielleicht doch – zu verwechseln mit dem Autor des Romans.

Haas lernt Baumgartner und dessen Freundin erst akustisch durch tagelangen, lautstark im Nebenzimmer vollzogenen Beischlaf kennen. Als Baumgartner 2006, verheiratet und promoviert, bei einem Kongress in Peking als Übersetzer arbeitet, bricht die Vogelgrippe in China aus: Er hat sich unsterblich in eine holländische Kollegin verliebt. Zu Hause betreut derweil Haas Baumgartners Ehefrau, die einstige Studentengeliebte, die vor Angst vergeht, weil ihr Mann einfach nicht mehr auftaucht.

Frau Baumgartner zieht in Haas’ Arbeitszimmer ein und wühlt in dessen Manuskripten herum. Dabei, und das ist eine der besten erzählerischen Volten des an überraschenden Wendungen überreichen Romans, stellt sich heraus, dass sie gar nicht die Frau vom Greenwich Market ist. Haas bekommt sein Manuskript um die Ohren gehauen und erhält es erst Jahre später durch Intervention seines Anwalts wieder. Im Jahr 2009 reist der geschiedene Baumgartner nach Santa Fé, um seinen indianischen Vater zu suchen, und trifft dort eine junge Frau, die der Studentin vom Greenwich Market überraschend ähnlich sieht. Doch Baumgartner ist da schon schwer von der Schweinegrippe gezeichnet, an der er als Erster erkrankte. Ein Jahr später, man geht davon aus, dass spanische Gurken die EHEC-Pandemie ausgelöst haben, befindet sich Baumgartner in Norddeutschland. Als Haas erfährt, dass er sich dort in eine Frau verliebt hat, mit der er auf einem Biobauernhof Sprossen züchtet, alarmiert er die Hamburger Gesundheitspolizei.

Mit der Reihe um den Privatdetektiv Simon Brenner hat Wolf Haas einen Klassiker der Krimiliteratur geschaffen. Vor sechs Jahren legte der Österreicher mit „Das Wetter vor 15 Jahren“ ein beeindruckendes erzählerisches Experiment vor: Der Autor spricht mit der Journalistin einer Literaturbeilage über seinen neuen Roman, der so bruchstückhaft vor dem inneren Auge des Lesers entsteht. Diesen experimentellen, metafiktionalen Weg hat Haas mit der „Verteidigung der Missionarsstellung“ noch weiter ausgeschritten. Ein Großteil des Romans ist ein spielerisches Traktat über Sprache und Sprachtheorie. Der Name des vermeintlichen Halbindianers verweist auf den Linguisten Benjamin Lee Whorf, der infolge seiner Auseinandersetzung mit der Sprache der Hopi-Indianer die Theorie aufgestellt hat, dass die Sprache unser Denken formt. Die Hopi hätten nach Whorf ein anderes Zeitgefühl, weil sie keine Zeitwörter haben. Die Burgerverkäuferin säkularisiert diese Theorie umgehend: „Wenn es keine Zeit gäberte, dann musste ich nicht ubermorgen nach Hause fliegen“.

Samuel Koch stellt Biografie "Zwei Leben" vor

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Baumgartners Mutter klärt den Erzähler am Ende des Romans jedoch auf, dass ihr Sohn weder Halbindianer ist noch Benjamin Lee heißt. Sie hat den Buben, der aus der Liaison mit einem Straßenmusikanten aus der Münchner Fußgängerzone hervorgegangen ist, „Lee Ben“ getauft. Weil das halt so klingt wie „lieben“. Am Ende ist das meiste eben nicht, wie man es erwartet und kausal zusammengeschustert hat.

Mit anarchischer Freude setzt Haas auch Mittel der konkreten Poesie ein, über die der Germanist und Linguist an der Salzburger Uni promoviert hat. Eine Aufzugfahrt wird visualisiert, indem der Text in Blocksatz Seite für Seite nach unten wandert. Die Passage über das von dem Sprachphilosophen Alfred Tarski formulierte Antinomie-Problem wird über sieben Seiten schräg gedruckt. Man kann sie somit „querlesen“. Sie besagt übrigens, dass ein Satz nie über sich selbst sprechen darf, weil sich die Logik sonst in blanken Unsinn verkehrt. Vereinfacht ausgedrückt: Es funktioniert nicht zu schreiben „Wer das liest ist blöd!“.

Auch macht Haas in bestem postmodernen Gestus den fragmentarischen Charakter seines Romans deutlich – anhand von den Textfluss durchbrechende Notizen für eine künftige Überarbeitung. In eckigen Klammern steht etwa: „Parkatmosphäre einfügen. Bäume und Leute etc. evtl. von Bruno schreiben lassen.“ Besondere Freude macht dabei der Copy-Paste-Autorin Helene Hegemann aufs Korn nehmende Vermerk: „einfach irgendwo was herunteraxoloteln“.

Dass die „Verteidigung der Missionarsstellung“ jedoch nicht nur eine virtuose, intellektuelle Spielerei ist, sondern auch ein berührendes und sehr romantisches Buch – das macht Wolf Haas so leicht keiner nach.

Wolf Haas:

„Verteidigung der Missionarsstellung“. Verlag Hoffmann und Campe, 238 Seiten; 19,90 Euro.

Von Albert Meisl

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